„Musik als Fürsprecherin“
Nietzsche und die befreiende Kraft der Tonkunst
„Musik als Fürsprecherin“
Nietzsche und die befreiende Kraft der Tonkunst


Nachdem Christian Saehrendt im Juni letzten Jahres auf diesem Blog einen vor allem biographischen Blick auf Nietzsches Verhältnis zur Musik richtete (Link), konzentriert sich Paul Stephan in diesem Artikel auf Nietzsches inhaltliche Aussagen zur Tonkunst und kommt zu einem etwas anderen Resultat: Für Nietzsche hat die Musik eine befreiende Potenz durch ihre subjektivierende Kraft. Sie bestätigt uns in unserem Selbstsein und inspiriert uns zum Widerstand gegen repressive Normen und Moralen. Das vermag allerdings nicht jede Musik. Beim späten Nietzsche ist das nicht mehr diejenige Richard Wagners, sondern Georges Bizets Oper Carmen. Unser Autor erkennt eine ähnliche Haltung in Sartres Roman Der Ekel und in der schwarzen Populärmusik, in der es nicht um Trost oder Trauer, sondern Bejahung und Überwindung geht.
Liebe ich die Musik? Ich weiß es nicht: auch hasse ich sie zu oft. Doch liebt mich die Musik, und sobald Jemand mich verläßt, springt sie herzu und will geliebt sein.
(Nachgelassene Fragmente 1882)
„Ich habe Durst nach einem Meister der Tonkunst, sagte ein Neuerer zu seinem Jünger, dass er mir meine Gedanken ablerne und sie fürderhin in seiner Sprache rede: so werde ich den Menschen besser zu Ohr und Herzen dringen. Mit Tönen kann man die Menschen zu jedem Irrthume und jeder Wahrheit verführen: wer vermöchte einen Ton zu widerlegen?“
(Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 106)
I. Von der Kunst zum Leben
Einer der wohl bekanntesten Sätze Nietzsches lautet: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum“1. Der Satz klingt erst einmal schön und taugt für Kalendersprüche, Memes und Konzertansagen. Er wirkt wie ein pathetisches Bekenntnis zur Musik, fast ein wenig kitschig; jedenfalls philosophisch wenig tief. Wer möchte ihm nicht zustimmen?
Doch wie so oft ist es wichtig, den Kontext zu berücksichtigen, in dem Nietzsche ihn äußert. Die komplette Sentenz lautet nämlich: „Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. – Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ Die auf den ersten Blick relativ seichte Aussage gewinnt so an Komplexität und Vieldeutigkeit: Bei dem „Ton eines Dudelsacks“ handelt es sich doch schließlich um die geradezu trivialste Form des musikalischen Ausdrucks, weit entfernt von den komplexen Klanggefügen der Kompositionen Beethovens, Chopins, Wagners oder Bizets, für die sich Nietzsche sonst begeistert. „Glück“ ist für Nietzsche zumal ein höchst zweideutiges Lebensziel. „Wir haben das Glück erfunden“2, sagen die „letzten Menschen“ in Also sprach Zarathustra und repräsentieren damit einen selbstzufriedenen Hedonismus, der Nietzsche ein Graus ist. Lieber ein heroisches, „gefährliches“3 Leben als ein glückliches – das ist sein Leitspruch. Wenn man ferner bedenkt, wie wenig schmeichelhaft er sich, gerade in der Götzen-Dämmerung, über die Deutschen und ihre Borniertheit äußert, legt das eine geradezu umgekehrte Deutung dieses Aphorismus nahe, als man sie auf den ersten Blick erwarten würde: Nietzsche möchte sich hier möglicherweise über genau diese sentimentale Sichtweise lustig machen und den „liedersingenden“ Gott der Deutschen. Er möchte für eine „dionysische“ Welthaltung plädieren, die das Leben ohne den schalen Trost der Musik und anderer Narkotika zu bejahen weiß.4
Ganz in diesem Sinne nimmt er in dem Vorwort der Neuauflage seines Erstlingswerk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik5 auch deren Musikemphase zurück, die ihm im Rückblick als zu pessimistisch erscheint, als schlechtes Erbstück seiner damaligen Idole Wagner und Schopenhauer. Für Schopenhauer ist die Musik die höchste Form der Kunst, die geradezu unmittelbare Offenbarung des Weltwillens – Wagner knüpfte an diese Sichtweise begierig an und der frühe Nietzsche folgte ihnen darin. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum“ ist, für sich genommen, eher ein schopenhaurianischer als ein Nietzsche’scher Satz. Mit diesem Ästhetizismus bricht Nietzsche, nachdem er in der eher peinlich wirkenden und in der Wirkungsgeschichte völlig vernachlässigten Propagandaschrift Richard Wagner in Bayreuth noch ein letztes Mal aufflammte, ab Menschliches, Allzumenschliches systematisch. „Kunst“, „Genie“, „Trost“, selbst das „Dionysische“ und das „Apollinische“ – all das wird nie gänzlich aufgegeben, aber immer wieder umkonfiguriert, um sich weitestmöglich vom Romantizismus zu distanzieren. Entgegen einem hartnäckigen Vorurteil ist Nietzsche in seiner mittleren und späten Werkphase kein Ästhetizist, sondern im Gegenteil ein sehr skeptischer Beobachter des Treibens der Künstler. „[N]ur als aesthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt“6 hießt es noch in seinem Debütwerk – der späte Nietzsche lehnt schon die Frage nach einer solchen ‚Großrechtfertigung der Welt‘ als metaphysisch ab. Erst als ein solcher Kritiker der Kunst bzw. des traditionellen Kunstverständnisses konnte er überhaupt zu einem der wichtigsten philosophischen Vordenker der ästhetischen Moderne werden, deren Protagonisten genau eint, die Kunst nicht mehr als außerhalb des Lebens stehende tröstende Macht anzusehen, sondern als Teil des Lebens selbst. Wenn sie noch eine tiefere Wahrheit beansprucht, möchte die avantgardistische Kunst nicht mehr trösten oder erbauen, sondern verstören und schockieren. Sie tendiert in Richtung Anti- und Nicht-Kunst. Auf Bizet und Wagner mag man die Konzeption von Musik als Trost noch anwenden können – spätestens ab der Wiener Schule errichtet die avancierte Musik systematisch verstörende Klangwelten, die eher herausschreien „Das Leben ist ein Irrtum“ als das Gegenteil. Mit Komponisten wie John Cage tendiert die „Neue Musik“ nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr in Richtung Geräusch und Schweigen. Eine Großtendenz, der sich selbst die radikaleren Strömungen der Pop-Musik (Punk, Metal, bestimmte Formen des Rap und Techno …) nicht zu entziehen vermögen.7
II. Ablenkender Trost, aufrichtiger Schein
Wird aus dem begeisterten Wagner-Enthusiasten und Amateurkomponisten Nietzsche also ein Musikverächter? Hier stoßen wir erneut auf das Problem, dass sich Nietzsche ab Menschliches, Allzumenschliches systematisch weigert, ein Systematiker zu sein, und das trifft sogar besonders sowohl auf seine Äußerungen zur Kunst im Allgemeinen als auch zur Musik im Speziellen zu. Eine regelrechte ‚Ästhetik‘ oder ‚Philosophie der Musik‘, wie er sie in der Geburt der Tragödie noch zu konzipieren versuchte, lassen sich diesen heterogenen Äußerungen kaum mehr entnehmen außer die erwähnte Großtendenz zur Kunstskepsis, die die Kunst ihrer enthobenen Stellung beraubt und in die größeren Tendenzen des Lebens zurückholt, die die „Kunst der Kunstwerke“8 durch „jene höhere Kunst, die Kunst der Feste“ (ebd.) ersetzen möchte.
Doch bleiben wir bei der Musik. In der Geburt der Tragödie erscheint sie noch als Urgewalt, die das Subjekt aus seiner Normalität herausreißt und in einen vorsubjektiven Zustand versetzt, als eine Gewalt der Befreiung. Im Musikgenuss lässt sich für Nietzsche die Ureinheit zwischen Mensch und Mensch, Tier und Mensch, Mensch und Natur erfahren.9 Das klingt sogar ein wenig sozialistisch; doch der frühe Nietzsche ist ein strikter Ästhetizist, insofern er diese Erfahrung unbedingt in den Bereich der Kunst verbannt sehen möchte. Sie soll sich dort sogar ausagieren, um die Normalität nicht zu gefährden. Die in der Musik erlebte temporäre Befreiung ermöglicht also geradezu die gesellschaftliche Versklavung und Entfremdung. Man darf sich hier also ‚gehen lassen‘, um dann im Alltag wieder funktionieren zu können – und daran hat der frühe Nietzsche nichts auszusetzen, sondern das ist der Grund für seine Hoffnungen in Wagners Bayreuth-Projekt. An die Stelle der ausgehöhlten „optimistischen“ Ideologien des 18. und bisherigen 19. Jahrhunderts, die alle darin versagen, die sozialen Probleme wirklich zu beheben, soll eine neue „pessimistische“ Kultur treten, die sich nicht mehr rational, sondern ästhetisch rechtfertigt. Große tragische Musik im Stile Wagners als Abwehrmittel gegen das Proletariat und die Frauenemanzipation – die UFA, Hollywood und die heutige Club-Kultur lassen grüßen … Die Musik eignet sich für diese reaktionäre Programmatik vor allem dadurch, dass sie ohne Sprache, ja, ohne Bilder fasziniert. Sie kann die Massen unmittelbar ergreifen und gerade dadurch erfolgreicher manipulieren als die anderen Künste.
Aus Sicht des freigeistigen Nietzsche stellt sich die Sache nun sehr anders dar. Die Kunst erscheint ihm nun – man denke nur an das Motto dieses Blogs – neben Philosophie und Religion als eine fälschende Kraft, nicht mehr als Aufdeckung einer tieferen Seinswahrheit. Sie ist eine Art und Weise, wie der Mensch sich die Welt zurechtmacht, um in ihr überhaupt einen Sinn finden zu können.10 Insofern steht sie der Wahrheit nicht näher als die anderen Modi der Verfälschung, auch wenn sich für Nietzsche die Fälschungspraxis der Kunst dadurch unterscheidet, dass sie ja bewusst erfolgt und insofern aufrichtiger ist als diejenige der Religion und der Philosophie, die von sich behaupten, eine höhere Wahrheit auszudrücken. Der Künstler lügt ohne Scham und der Kunstbetrachter genießt bewusst den Schein der Kunst. In diesem Sinne ist die Kunst wahrhaftiger als Religion und Philosophie, aber ihre Werke darum nicht wahrer.11
III. Carmen gegen Isolde
Die Musik hat auch in diesem Stadium bei Nietzsche jedoch weiterhin eine besondere Bedeutung, da sie der Leiblichkeit des Menschen am nächsten steht. Sie dient dem Ausdruck unmittelbarer leiblicher Affekte und kann solche zumal hervorrufen und verstärken. Insbesondere im Zarathustra wertet er darum die Musik gegenüber der Sprache und der Imagination ab: Töne können ihm zufolge die leibliche Dimension des Menschen besser ausdrücken als Worte und Bilder. Sein Held Zarathustra tritt immer wieder als Tänzer oder Sänger in Erscheinung12 – und das Buch selbst ist mit seinen drei bzw. vier Büchern sichtlich als eine Art Symphonie angelegt.
Als Beurteilungskriterium für Musik verbleibt somit, welcher Art von Affekten sie mithin Ausdruck verleiht und welche sie verstärkt oder gar hervorruft: Sind es weltverneinende Affekte, die uns trösten und von der Wirklichkeit des Lebens ablenken (Trauer, lähmende Erinnerungen, Ressentiment) – oder lebensbejahende, die uns mit der Wirklichkeit verbinden und zur Aktivität anfeuern (Freude, Übermut, Lachen, fröhliches Vergessen)?13 In seinen letzten Schriften erscheint Wagner als Vertreter der ersten Form der Musik. Seine komplexe, sich an die Grenzen der Tonalität vorwagende Harmonik erscheint Nietzsche nun als eine Musik der Betörung und Verhexung, die uns über das Leben imaginär heraushebt und einen faden Trost spendet. Vor diesem Hintergrund erscheint Wagners späte Hinwendung zum Christentum nur konsequent. Es ist eine Musik, die uns das Leid vergessen macht, aber nicht wirklich darüber hinauskommen lässt. Ihre Wirkung ist Faszination, nicht Befreiung.14
Anders hingegen die harmonisch vergleichsweise schlichtere, zugänglichere Musik Bizets, die heutigen Musikkennern als geradezu ‚populär‘ gilt. Seine leichte Oper Carmen konfrontiert Nietzsche polemisch mit Wagners schwülstigem „Bühneweihespiel“ Parsifal. Bizet ist ihm zufolge im Gegensatz zum dekadenten Tröster Wagner „das letzte Genie, welches eine neue Schönheit und Verführung gesehn“15 hat; er schrieb Musik für „gute Europäer“ (ebd.), entdeckte „ein Stück Süden der Musik“ (ebd.).
Was er in dieser Oper erblickt, könnte man vielleicht am ehesten als ‚fröhlichen Realismus der großen Leidenschaften‘ bezeichnen. Hier wird nicht dem Leben als „Irrthum“ entsagt, sondern das Leben in seinem ganzen Leid vielmehr als Irrtum bejaht und es werden lebensbejahende Affekte wie Stolz, Freude, Eifersucht und zum Wahnsinn gesteigerte Liebe dargestellt.16 Die Handlung ist nicht in einer mythologischen Parallelwelt angesiedelt, sondern in der Realität des 19. Jahrhunderts, es treten nicht nordische Helden, sondern Arbeiterinnen einer Zigarrenfabrik, Prostituierte, Soldaten, Schmuggler, Stierkämpfer auf die Bühne. Carmen ist eine selbstbewusste Frau, die die Männer bewusst manipuliert und ihrer Leidenschaft folgt. Im Vergleich zu Wagners ‚Maiden‘ geradezu eine Feministin, auch wenn sie am Ende einem ‚Femizid‘ zum Opfer fällt. Und sie verkörpert nicht zuletzt einen südlichen, außereuropäischen Typus, dem sich der „gute Europäer“ annähern soll, um sich „vom feuchten Norden“17 zu erlösen: „[I]hre Heiterkeit ist afrikanisch“ (ebd.). Es ist diese nicht betäubende, sondern belebende, nicht faszinierende, also desubjektiverende, sondern begeisternde, ermächtigende, Musik, die dem späten Nietzsche zufolge befreiend wirkt und die bassline der Philosophie vorzugeben vermag, sie verleiblicht, belebt, verwirklicht:
Hat man bemerkt, dass die Musik den Geist frei macht? dem Gedanken Flügel giebt? dass man um so mehr Philosoph wird, je mehr man Musiker wird? – Der graue Himmel der Abstraktion wie von Blitzen durchzuckt; das Licht stark genug für alles Filigran der Dinge; die grossen Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem Berge aus überblickt. – Ich definirte eben das philosophische Pathos.18
IV. Musik der Selbstbejahung
Mit dieser Position ist Nietzsche sehr fern vom elitären Gestus der Avantgarden und insbesondere der Neuen Musik. Mahler, Schönberg, selbst Cage, wären in diesem Sinne als Repräsentanten des ‚Typus‘ Wagner anzusehen, als Schöpfer einer lebensverneinenden Trauermusik, in der sich das untergehende Abendland selbst bemitleidet.
Nietzsche eher entsprechen dürfte der berühmte Schluss von Sartres Roman Der Ekel. Der Protagonist Antoine Roquentin hat sich dazu entschlossen, die Kleinstadt, in der er lebt, zu verlassen und nach Paris zu gehen, doch das Gefühl des Überdrusses und Weltschmerzes, der „Ekel“, bleibt. Er ist, mit Nietzsche gesprochen, in Ressentiment und Nihilismus gefangen, sieht keinen Sinn mehr in seiner Existenz. Beim Hören des Jazzsongs Some of These Days ereilt ihn eine Epiphanie: Dieser Song ist einfach da und repräsentiert ein Sein, das nicht fremd ist, das das Begehren nach Sinn nicht kalt zurückweist, sondern aus sich selbst heraus sinnvoll ist – einfach dadurch, dass es existiert. Diese Epiphanie ermöglicht es Roquentin, seine Sinnkrise zu überwinden. Er entschließt sich, selbst ein solches Werk zu schaffen, das für sich steht und dem absurden Sein trotzt:
Sie singt. Diese beiden sind gerettet: der Jude und die Negerin. Gerettet. […] [S]ie haben sich von der Sünde zu existieren reingewaschen. Nicht völlig natürlich – aber soweit ein Mensch es kann. […] Die Negerin singt. Man kann seine Existenz also rechtfertigen? Ein ganz klein wenig? […] Könnte ich nicht versuchen … Natürlich würde es sich nicht um ein Musikstück handeln … aber könnte ich nicht, in einer anderen Gattung …? Es müßte ein Buch sein […] Aber kein Geschichtsbuch: Die Geschichte spricht von dem, was existiert hat – nie kann ein Existierender die Existenz eines anderen Existierenden rechtfertigen. […] Eine andere Art von Buch. Ich weiß nicht so recht, welche – aber man müßte hinter den gedruckten Wörtern, hinter den Seiten etwas ahnen, das nicht existierte, das über der Existenz wäre. Eine Geschichte zum Beispiel, wie es keine geben kann, ein Abenteuer. Sie müßte schön sein und hart wie Stahl und müßte die Leute sich ihrer Existenz schämen lassen.19
In ganz ähnlicher Weise vernimmt der dem Norden überdrüssige Nietzsche in Carmens Gesang „die Logik in der Passion, die kürzeste Linie, die harte Nothwendigkeit“20. Es geht hier nicht um Trost, nicht um Sentimentalität, Romantik und Sehnsucht; weder die Auffindung eines tieferen Sinns in der Welt noch die endlose Trauer über seine Abwesenheit, sondern seine bewusste Schöpfung im Wissen darum, dass es eine Schöpfung ist, der in der Welt nichts entspricht. – Ganz in Nietzsches Sinne: „Und wie uns der maurische Tanz beruhigend zuredet! Wie in seiner lasciven Schwermuth selbst unsre Unersättlichkeit einmal Sattheit lernt!“ (Ebd.)
In dem Song, so melancholisch er sein mag, spürt Roquentin eine Selbstbejahung der aktiven Kraft des Menschen, sich mit der Absurdität der Welt nicht einfach abzufinden, sondern etwas aus sich zu machen. Diese Haltung ermöglicht es ihm, sich wieder ins Leben zu stürzen.
Diese Haltung hat eine nicht nur existentielle, sondern auch politische Dimension. Die affektive, begeisternde Kraft der Musik diente stets politischen Bewegungen aller Art, ihre Anhänger zu mobilisieren und zwischen ihnen eine Gemeinschaft zu stiften. Eine Kraft, die ‚jenseits von Gut und Böse‘ ist, insofern auch die verwerflichsten Bewegungen ihre niederen Affekte in Musik bannte. Doch man darf nicht vergessen, dass Wagner Reaktionär und Antisemit und Hitler und die Nazis begeisterte Verehrer des ‚Meisters aus Leipzig‘ waren. Auch hier war, gerade in der Musik, die Grundstimmung eine weltverneinende, eine Obsession für den Tod, das Nichts, eine Obsession für die Obsession in Gestalt einer ewig unbefriedigten Sehnsucht, die sich schließlich in der Praxis der Selbstzerstörung entlud. Der Zweite Weltkrieg als Inszenierung einer Wagner-Oper inklusive abschließendem Weltenbrand.
Wie anders klingen die heroischen Kampflieder der von Nietzsche missverstandenen revolutionären Bewegungen derselben Zeit. Hier drücken sich genau die Affekte aus, die er an Carmen bewundert. Kein Schwulst, keine Selbstverkleinerung, keine Faszination, sondern eine Musik der Selbstermächtigung. Als Beispiel hierfür kann der „Sound“ der schwarzen Emanzipationsbewegung dienen. Die selbst von antifaschistischen Avantgardisten wie Adorno als „N***-Musik“ missdeutete Musik der Schwarzen21 drückte stets den Unfrieden mit der Monotonie des Sklavendaseins und die Sehnsucht nach der Freiheit aus – doch dies in keiner ressentimenthaften Form, sondern selbst im Blues noch von einer tiefen Grundstimmung der Lebensbejahung getragen. Die Gesellschaft schubst mich herum, mein Mädchen verlässt mich, ich bin wieder auf der Straße „like a rolling stone“22, doch ich beiße trotzdem die Zähne zusammen und mache weiter.
In seinem Song Hurricane (1975) setzte Bob Dylan dem schwarzen Boxer Rubin „Hurricane“ Carter ein musikalisches Denkmal, der 1967, so Dylans Darstellung, zu Unrecht des dreifachen Mordes verurteilt wurde von einer nur mit Weißen besetzten Jury, einfach, weil es ja der „crazy n***“ gewesen sein musste. Der Text erzählt einfach nüchtern die Geschichte. Es geht nicht um Rache, es wird nicht weinerlich das Unrecht der Welt beklagt, es wird einfach nur gesagt, was der Fall ist, so dass es jeder versteht: Hier wurde jemand des Mordes verurteilt nur aufgrund seiner Hautfarbe. Während seine Ankläger, die wahren Kriminellen, am Strand Martinis trinken, muss er, der fast Weltmeister geworden wäre, in einer Gefängniszelle sitzen. Doch für Resignation, für Sentimentalität, für Romantik gibt es keinen Grund. Der nach vorne gerichtete, schnelle Sound des Songs macht es klar: Wir werden dieses Unrecht nicht vergessen, doch wir werden darum auch nicht in Trauer versinken – denn dann hätten die Ankläger ja gewonnen. Wir werden einfach damit weitermachen, die rassistischen „Idioten“ zu bekämpfen, wo wir nur können. „One time he coulda been / The champion of the world“ singt Dylan, „Eines Tages hätte er Weltmeister werden können“, doch es klingt fast wie „One time he‘s gonna be / The champion of the world“ – „Eines Tages wird er Weltmeister sein“. Keine Zeit, über verpasste Gelegenheit zu trauern.
In etwa derselben Zeit, 1976, war es der schwarze Sänger James Brown, der dieser ‚nietzscheanischen‘ Attitüde noch deutlicher Ausdruck verlieh, als er sein Publikum in dem ebenso betitelten Song aufforderte: „Get up offa that thing / And dance 'till you feel better“ – „Steh von dem Ding auf / Und tanze, bis du dich besser fühlst“. Mit Nietzsche müsste man hier von einem Aufruf zur „aktiven Vergesslichkeit“23 und zur „Selbstüberwindung“24 sprechen: Immer wieder den A*** hochkriegen und trotz der negativen Erfahrungen, die man macht, sich nicht in der passiven Haltung des Ressentiments einrichten, sondern aktiv bleiben, so dass man immer wieder sagen kann: „I‘m black and I‘m proud.“ – „Ich bin schwarz und und ich bin stolz.“
Die befreiende Kraft der Musik liegt für Nietzsche also in ihrer Potenz, uns vom „Geist der Schwere“25 zu lösen und nach oben zu ziehen – um aus dieser Erhebung die Kraft zu gewinnen, das kaputt zu machen, was uns kaputt macht: „Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen – kann! Manches Haus giebt es noch zu bauen!“26
Das Artikelbild stammt von der Leipziger Künstlerin Toni Braun (Link). Der Titel lautet Celestial Urging. Paul Stephan schrieb über dieses teilweise mit KI generierte Werk bereits an anderer Stelle auf diesem Blog (Link). Herzlichen Dank an die Künstlerin. Photo: Konrad Stöhr (Ausschnitt)
Quellen
Sartre, Jean-Paul: Der Ekel. Roman. Reinbek b. Hamburg 2004.
Sloterdijk, Peter: Der Denker auf der Bühne. Nietzsches Materialismus. Frankfurt a. M. 1986.
Stephan, Paul: Langeweile im Dauerexzess. Nietzsche, der Rausch und die Kultur der Gegenwart. In: Dominik Becher (Hg.): Brisantes Denken. Friedrich Nietzsche in Philosophie und Popkultur. Leipzig 2019, S. 217–250.
Ders.: Nietzsches Non-Ästhetik. Nietzsche als Kritiker der Trennung von Leben und Kunst. Online.
Vogt, Jürgen: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Über einen Satz Nietzsches in musikpädagogischer Absicht. In: Zeitschrift für Kritische Musikpädagogik, online.
Fußnoten
1: Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, 33.
2: Also sprach Zarathustra, Vorrede, 5.
3: Vgl. Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 283.
4: Für eine entsprechende Deutung dieser Sentenz vgl. auch Vogt, „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“.
5: Vgl. Geburt der Tragödie, Versuch einer Selbstkritik.
7: Vgl. zu Nietzsches Wandlung vom Ästhetizisten zum „Non-Ästhetiker“ auch Stephan, Nietzsches Non-Ästhetik. Zu Nietzsche und Techno vgl. speziell Stephan, Langeweile im Dauerexzess.
8: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 89.
9: Vgl. insb. das Ende des ersten Abschnitts der Tragödienschrift (Link), deren ‚sozialistischen‘ Anklang etwa Sloterdijk in Der Denker auf der Bühne betont.
10: Vgl. etwa Also sprach Zarathustra, Auf den glückseligen Inseln.
11: Vgl. etwa Die fröhliche Wissenschaft, Vorrede 4 & Aph. 361.
12: „[S]ind alle Worte nicht für die Schweren gemacht? Lügen dem Leichten nicht alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!“, heißt es etwa an einer markanten Stelle (vgl. Die sieben Siegel, 7).
13: Vgl. Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 370.
14: Vgl. insb. Nietzsches letzte große Polemik gegen Wagner, Der Fall Wagner sowie meinen Artikel Menke facinirt auf diesem Blog (Link).
15: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 254.
16: „Endlich die Liebe, die in die Natur zurückübersetzte Liebe! Nicht die Liebe einer ‚höheren Jungfrau‘! Keine Senta-Sentimentalität! Sondern die Liebe als Fatum, als Fatalität, cynisch, unschuldig, grausam – und eben darin Natur! Die Liebe, die in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhass der Geschlechter ist!“ (Der Fall Wagner, Turiner Brief, 1)
17: Der Fall Wagner, Turiner Brief, 2.
18: Der Fall Wagner, Turiner Brief, 1.
19: Sartre, Der Ekel, S. 277 f.
20: Der Fall Wagner, Turiner Brief, 2.
21: Wobei es hier nicht, wie gleich deutlich werden wird, um die Hautfarbe der Musiker geht, sondern einen bestimmten musikalischen Stil.
22: Vgl. Bob Dylans bekannten Song.
23: Zur Genealogie der Moral, II, 1.
24: Vgl. Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-Ueberwindung.