Nietzsche POParts
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Regenbogen und Schein-Brücken
zwischen Ewig-Geschiedenem?
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Zeitgemässer Blog zu den Erkenntnissen Friedrich Nietzsches
Artikel
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„Steht auf, Sklaven, steht auf!“
Wanderungen mit Nietzsche durch das evangelikale christliche London: Teil 1
„Steht auf, Sklaven, steht auf!“
Wanderungen mit Nietzsche durch das evangelikale christliche London: Teil 1


Von den Hedgefund-Milliardären, die Nigel Farage finanzieren und dies mit evangelikaler Missionsarbeit verbinden, zu Nietzsches fulminantem Angriff auf das Christentum als ein „Sklavenaufstand“: Dieser Essay spürt der beunruhigenden Art nach, auf die die Religion mitten im Herz des britischen öffentlichen Lebens zurückkehrt. Ausgestattet mit Wanderschuhen, einem Rucksack und dem Skeptizismus eines Philosophen, folgt unser Autor dem Geld, der Theologie und der Straßenkultur rund um das charismatische Christentum und sein scheinbar unaufhaltsames Wachstum. Mitten im Zentrum all dessen steht Sir Paul Marshall: milliardenschwerer Finanzier, christlicher Medienmogul und die Verkörperung eines Glaubens, der sich dazu berechtigt fühlt, nach elitärer Macht zu streben.
Aber es geht um mehr als darum, den Knoten sichtbar zu machen, der Reichtum und Religion verknüpft. Es geht darum, Nietzsches tiefster historische These auf den Grund zu gehen: dass das Christentum triumphierte, weil die sogenannten „Schwachen“ lernten, gegen die „Starken“ zu moralisieren. Wandernd durch Kirchen, Cafés und metropolitane Straßen, fragt dieser Essay, ob das gegenwärtige evangelikale London eine neue Form dieses Aufstands repräsentiert – oder seine völlige Verdrehung.
Der erste Teil widmet sich dem wachsenden Einfluss evangelikaler Netzwerke im heutigen Großbritannien und ihrer problematischen Allianz mit dem Finanzkapitalismus. Der zweite Teil, der bald erscheinen wird, wird dann zu den ersten Christen selbst zurückkehren.
Dieser Artikel ist die Fortsetzung von Henry Hollands Bericht über seine Wanderungen durch den muslimisch geprägten Süden Glasgows (Teil 1, Teil 2).
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.
Einleitung
Für Leser, die, wie ich, während einer Blütezeit des Säkularismus im Westen aufwuchsen, ist es überraschend und schockierend nun zu sehen, wie sich das Blatt wendet. Die säkularistische und konsumistische Welle erreicht ihren Scheitelpunkt vermutlich in den 1980ern: einer Welt, ganz eingenommen von den neusten Konsumgadgets in den Läden, dem letzten Fußballstar, dessen Ablöse beim Wechsel zu einem neuen Verein mal wieder den Weltrekord brach, und der Reklame, die einem weismachte, dass es an dir liegt, mit den heißesten Sexidolen zu schlafen – wenn du nur weit genug aufsteigst, Michael-Jordan-haft, indem du die grausamen sozialen Prüfungen bestehst, die darüber entscheiden, wer was besitzen darf.1 Religion und Theologie sind zu Staubfängern in den Abstellkammern der Seele geworden. Ich, der ich in eine Familie von klerikalen Kirchgängern hineingeboren wurde, gehörte zur Minderheit, die immer noch religiöse Erfahrungen sammelte auf den Sitzbänken der Church of Scotland2. Doch dies war eine kuriose Tradition, ein wunderliches Ritual; eine Mittelschichtsschrulle für Gutmenschen, die sich kaum so anfühlte, als hätte sie eine reale Bedeutung.
Nun flammt sie wieder auf, die Forderung der institutionalisierten Religion nach einer Führungsrolle in der britischen Zivilgesellschaft. An manchen urbanen Straßen weithin sichtbar – aber auch als Ergebnis hunderter Geschäftsdeals, bei denen es um richtig viel Kohle geht, geschlossen an Restauranttischen oder in Hinterzimmern, von denen die meisten von uns erst viele Jahre nach dem Handschlag erfahren. Einer von diesen spirituell gesinnten Geschäftsleuten ist Sir Paul Marshall. Er fing an, regelmäßig die Gottesdienste in Holy Trinity Brompton, heute weithin als HTB bekannt, in Westlondon zu besuchen, als er Ende 30 war. Das war 1997, im selben Jahr als er und sein Geschäftspartner Ian Wace ihre Familie, Freunde und George Soros dazu brachten, ihnen ein wenig von ihren entbehrlichen Ersparnissen zu überlassen, um ihren Hedgefonds mit 50 Millionen Dollar Startkapital auszustatten. Angesichts der Tatsache, dass derselbe Fonds, Marshall Wace, im Jahr 2025 über ein Vermögen von 69 Milliarden verfügte und den Reichsten der Welt damit dabei hilft, noch ein Ticken reicher zu werden, kommt einen schnell einer der nagendsten Verse des Neuen Testaments in den Sinn: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“3 Doch der Fairness halber sollten wir nicht unerwähnt lassen, dass sich Marshall beständig darum bemüht, große Teile seines Reichtums – Kapitalanlagen und sein persönliches Vermögen werden zusammen auf etwa 900 Millionen Pfund geschätzt – abzugeben. Der Habenichts Jesus hatte leicht reden – schwerreichen Christen fällt die Umsetzung seiner Forderung gar nicht so leicht, auch wenn Marshall „Hunderte von Millionen“ in „Schulen, Universitäten und Kirchen“ steckte und in Ausbildungsprogramme für Priester der Church of England, der offiziellen englischen Staatskirche.4
Sind diese Phänomene unbedingt suspekt? Und wie kann Nietzsche, mit seinen berüchtigten und immer noch nachhallenden Polemiken gegen das Christentum dabei helfen, eine neue Perspektive auf sie zu gewinnen? Diese Fragen ratterten mir durch den Kopf, als mein Zug Anfang August letzten Jahres den Bahnhof King’s Cross erreichte. Meinen Abstecher in die Islamwissenschaft in Glasgow hatte ich gerade hinter mir (siehe meinen Zweiteiler, der im November 2025 in diesem Magazin erschien5). Ich schnallte meinen Rucksack um, zog meine Wanderschuhe an und freute mich von ganzem Herzen darauf, direkt am Boden nach Antworten zu graben. Im ersten Teil dieses Essays werde ich den Schauplatz einführen im Hinblick auf Marshall und das charismatische oder auch evangelikale Christentum in London (ich werde diese beiden Begriffe synonym gebrauchen) und darüber berichten, wie meine urbane Pilgerwanderungen dort mich mit einer Gemeinschaft konfrontiert haben, die als eine unerwartete Verdrehung des „Sklavenaufstands“ verstanden werden sollte; Nietzsches treffende Wendung, um zu beschreiben, wie eine obskure jüdische Sekte des 1. Jahrhunderts eine Weltreligion werden konnte. Im zweiten Teil werde ich dann Nietzsches große Erzählung über die historische Rolle des Christentums selbst in den Blick nehmen und mich dabei auf neuere historische und religiöse Forschungen über die frühen Christen beziehen. Zahlreiche Anführer dieser Gruppe wuchsen tatsächlich als Sklaven oder als Kinder von Sklaven auf – sollte da ihre Rebellion gegen eine religiöse und soziale Orthodoxie, die auf Sklaverei fußte, nicht als ein ethischer Akt verstanden werden und eine Bewegung für Gerechtigkeit, gerichtet gegen die fatalistisch gestimmte und tyrannische griechisch-römische Welt, der sie entstammten?

Marshall und das charismatisch-evangelikale Christentum: Wer darf wen beschimpfen?
Für Marshall sind Religion und Politik zwei Seiten derselben Medaille. Das wird daraus ersichtlich, wenn man in Betracht zieht, an welchen Medien er sich in den letzten fünf Jahren beteiligt hat und welche er förderte. Nach dem Start des Fernseh- und Radiosenders GB News im Jahr 2021 hat Marshall versprochen, die Plattform in den nächsten zwei Jahren mit 70 Millionen Pfund zu unterstützen. Es handelt sich um einen „Kessel Buntes“; die Hauptzutaten: Pseudonachrichten und eine Politik des Hasses, die immer wieder neu aufgekocht wird, bis einem übel wird.6 Das Portal verfolgt seine Obsessionen mit all dem Anmut eines Terriers, der seine halbtote Beute in seinem Maul herumträgt – ein Terrier, der eher sterben würde als sie fallen zu lassen. „HEUTE Landung des 200.000. Flüchtlingsboots [an der britischen Küste] – ausgewiesen in den letzten acht Jahren: weniger als 8.000“7, schreit GB News in einer Geschichte, die leicht abgewandelt immer wieder neu recycelt wurde. Der Plattform dämmert noch nicht einmal die philosophische Mahnung, dass die kollektive ethische Handlungsmacht von diesen 200.000 Einwanderern nicht besser oder schlechter zu bewerten ist als diejenige von jeder anderen zufällig ausgewählten Gruppe von Bewohnern des Königreichs. Ein anderes Medium, in das Marshall Millionen gesteckt hat, ist hingegen unvergleichlich nuancierter, bisweilen gar philosophisch. Es handelt sich um ein Portal für längere Reportagen und Essays, zu dem nonkonformistische Autoren sowohl aus dem linken als auch aus dem rechten Spektrum beitragen, und das den merklich nietzscheanischen Namen UnHerd trägt, der suggerieren soll: Hier geht es um Unerhörtes und -gehörtes jenseits der Meinung der „Herde“. Während seine Finanzen undurchsichtig sind (auch wenn wir schätzen, das Marshall seit dessen Gründung vor neun Jahren für das Projekt 17 Millionen Pfund berappt hat)8, vermag es UnHerd im Unterschied zu GB News, wirklich großartige Texte zu publizieren, indem es die unterschiedlichsten Perspektiven zusammenbringt. Der gefeierte Kulturtheoretiker Terry Eagleton zum Beispiel – Marxist und glühender Antinietzscheaner in politischer Hinsicht9 – hat Dutzende von Artikeln beigesteuert inklusive, für unser Thema sehr instruktiv, Was Jesus a Revolutionary?.
Eagletons Kollegen vom rechten Flügel des Blattes legen sich keine Zügel an, wenn es um starke Meinungen zum Brexit geht und was sie für seine emanzipatorischen Konsequenzen halten. Sohrab Ahmari, der zum Katholizismus konvertierte Herausgeber der US-amerikanischen Ausgabe von UnHerd, veröffentlichte ein katzenbuckelndes Interview mit Jamieson Greer, dem Handelsbeauftragten der Vereinigten Staaten, in dem er begeistert dessen Worte über das transatlantische Handelsabkommen von 2025 nachplapperte: „Brexit ermöglichte es dem Vereinigten Königreich, das zu wuppen“10, also das Abkommen zu besiegeln. Im Gesamtbild erscheinen die 100.000 Pfund, die der Eigentümer von UnHerd 2016 der „Vote Leave“-Kampagne gespendet hat, wie ein bisschen Kleingeld im Hut; dass Marshall Nigel Farage 80.000 Pfund pro Monat dafür bezahlt, dass er auf GB News eine Sendung moderiert, wirkt im Gegensatz dazu wie eine strategische Intervention, um eine neokonservative Zukunft für einen besonders gut abgeschirmten Inselstaat zu erstehen.11
Wem das wenig christlich im üblichen Verstande des Wortes klingt, also nur bedingt nach Mitleid und Engagement mit den Schwachen und Frommen, dem sei freundlich angeraten, ein Jahrzehnt, ein Jahrhundert, oder auch zwei, in der Geschichte zurückzugehen, um den evangelikalen bzw. charismatischen Flügel der Religion, der Marshall angehört, besser zu verstehen. Wir wissen um die etymologischen Wurzeln des altgriechischen Wortes εὐαγγέλιον (euangélion), das „gute Nachricht“ oder auch „frohe Botschaft“ bedeutet, und dass Johannes (etwa 6–100 n. Chr.) und die anderen Autoren der ersten Bücher des Neuen Testaments als „Evangelisten“ bezeichnet werden: als Verkünder von Dingen, „geschrieben, damit ihr glaubt, […] und damit ihr, weil ihr glaubt, das Leben habt“12, wie Johannes es formuliert. Und von dem Zeitpunkt an, als die anderen Bücher des Neuen Testaments Gestalt annahmen, also um 60–90 n. Chr., wurde der Ausdruck „Evangelist“ noch in einem weiteren Sinne gebraucht, um jeden Wanderprediger zu bezeichnen, der dieselbe gute Nachricht verbreitet.13 So wie die Prediger, deren Ausbildung von Marshall finanzierte wurde, sprachen diese Umherziehenden mit dem Willen zu bekehren und mit der Selbstsicherheit, den der Glaube zu spenden vermag. Andrew Graystone, der kürzlich ein Buch über den Kindesmissbrauchsskandal veröffentlichte, in den einige Mitglieder der evangelikalen Führungsriege verwickelt waren und der im vergangenen Jahr den Rücktritt von Justin Welby als Erzbischof von Canterbury (und mithin als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche) bewirkte, resümiert die antiintellektuelle Gewissheit, die dem Ansatz von HTB zu Grunde liegt: „Man glaubt, dass sein Flügel des Christentums der einzige ist, der in den Himmel führt. Man glaubt, dass man von Gott auserwählt wurde, um zu regieren.“14 Die Behauptung desselben Autors, dass „Marshalls Geld die Agenda der Church [of England; im Folgenden: C-of-E] unter Welby bestimmt hat“15, klingt gerechtfertigt, wenn man bedenkt, was „regieren“ im käuflichen System der heutigen Demokratie des Vereinigten Königreichs bedeutet. Marshalls „großzügige“ Unterstützung des HTB-Unternehmens St. Mellitus Theological College bewirkte, dass es heute einen von vier Geistlichen der C-of-E ausbildet;16 die (konservativ geschätzt) 10 Millionen Pfund, die er in den Church Revitalisation Trust steckte, haben es dieser Organisation ermöglicht, 185 Marshall’sche „City Centre Resource-Kirchen in Schlüsselstädten in ganz England und Wales zu platzieren“, eine aggressive Expansionskampagne, die die Einstellung von „Gottesdienstleitern […], Pädagogen […] und Sozialarbeitern“ umfasst.17 Diese Zahlen bringen deutlich ans Licht, dass Marshall mit seinen enormen Spenden die einst einflussreichste protestantische Kirche der Welt zumindest mitregiert.
Stinknormale Londoner und andere Evangelikale
Im Wissen um die Rolle, die Marshall spielt, ist die Kirche von HTB ein natürlicher Ausgangspunkt für meine investigative Wanderung. Zwei Minuten von dem Protz und den Boutiquen Knightsbridges entfernt und jetzt an einem Wochentag, an dem keine Gottesdienste stattfinden, fühlt sich die Kirche ganz wie aus einem Bilderbuch mit Szenen des englischen Landlebens entnommen an mit ihrem klotzigen quadratischen Turm inmitten von Bäumen. (Es ist eine schöne Ironie, dass sich die Erbauer der Kirchen in den 1820ern vor allem gegen einen Spitzturm entschieden, um Geld zu sparen.) Die mehreckige Sakristei, die links des Turms angebaut wurde, ist ganz Neogotik in Aktion und der Ort, wo die Geistlichen ihre Kleider an- und abwerfen, um dasjenige symbolisch zu repräsentieren, was Nietzsche als „die priesterliche Kaste“ bezeichnet.18 Wenn mich das Verhalten meiner christlichen Mitmenschen aus Fleisch und Blut mal wieder abstößt, ist es die Kirchenarchitektur, sind es all die Höhepunkte sakraler Kunst, die mich wieder versöhnlich stimmen, die mir das Gefühl geben, dass es da etwas gibt, das bewahrenswert ist – oder sogar etwas, das es verdient hat, aufs Neue verkörpert zu werden. Die Hinweistafeln außerhalb der Kirche, die Alpha bewerben, den weltweit erfolgreichen Evangelistenkurs, der in HTB in den 2000ern begründet wurde, bestätigen, dass ich hier am richtigen Ort für meine Untersuchungen bin.19 Ich will jedoch den Alltagschristen noch eine Chance geben und begebe mich hinab in die Krypta ins Bloom Café, wo ich daran erinnert werde, was, seitdem jegliche ethisch verantwortliche herrschende Klasse längst verschwunden ist, der eigentliche Treibstoff dieses Königreichs ist: eine Mischung aus heißen Getränken und Freundlichkeit zwischen seinen gewöhnlichen Bewohnern.
Als ich zurückkehre, um den zweiten Earl Grey zu bestellen, komme ich ins Gespräch mit Lisa, einer Südafrikanerin, die hier hinter den Tresen die Getränke zubereitet und die Kuchen serviert. Ich halte es für einen geschickten Schachzug, das Gespräch mit einer Erwähnung Alphas zu eröffnen – woraufhin Lisa mich fragt, ob ich ein Christ bin. Ich antworte ausweichend: „Gute Frage“. „Tja, dann ist Alpha vielleicht genau das Richtige für dich“, erwidert sie, ehe sie mir ein dünnes Taschenbuch – A Life Worth Living, verfasst von Nicky Gumbel, der Alpha konzipiert hat und an HTB als Pfarrer tätig war – in die Hand drückt. So von Gott zu sprechen, bringt mich etwas in Verlegenheit, also beginne ich wieder damit, den Zettel auf meinem Tisch zu studieren, der mich darüber informiert, dass die durch meinen Besuch erzielten Einnahmen dem „Programm für sozialen Wandel [Social Transformation Ministry]“ der Gemeinde zu Gute kommen, das sich gezielt denjenigen an den Rändern der Gesellschaft widmet, „insbesondere Frauen, Flüchtlingen, ehemaligen Sträflingen und Obdachlosen“. Während ich nicht in Zweifel ziehen möchte, dass diejenigen, die in diesem Programm beschäftigt sind, diese Individuen mit ganzem Herzen begleiten, fasziniert es mich doch, wie ein Projekt, hinter dem das Großkapital steht,20 in authentischer Weise so sozialistisch klingen kann. Diese Betonung von „Frauen“ als einer der am meisten marginalisierten Gruppen beschreibt zum einen die Realität – Londonerinnen verdienen durchschnittlich deutlich weniger als Londoner und unterliegen einem höheren Risiko, zum Opfer von Gewalt- und sexuellen Verbrechen zu werden –, zum anderen markiert sie kaum verhüllt einen politischen Standpunkt, sind die Kommentatoren des HTB-Umfelds doch eifrige Gegner von dem, was sie als „Transgender-Ideologie“ bezeichnen. Diese habe gar die BBC „gekapert“.21

Die Straßen von London der christlichen Dichter
Mein meilenweiter Fußmarsch beginnt mit heiligem Eifer am nächsten Morgen. Ich habe mich für den London Martyrs’ Way entschieden, eine gemächliche und liebevoll kuratierte Strecke, die in Mäandern von Tower Hill im Osten der Stadt bis nach Tyburn Tree im Hydepark in ihrem Westen verläuft.22 Folgen Sie ihm und er führt Sie zu – und vorbei an – den Schauplätzen Dutzender religiös motivierter Hinrichtungen, an Kirchhöfen, an offenen und geschlossenen Kirchen, an Inseln der Stille nur wenige Schritte von belebten Straßen entfernt, nur wenige Schritte von jenem technoartigen Dröhnen, das London ist, und das nie wirklich verstummt. Wer für Literatur und Geschichte brennt – den Autoren eingeschlossen –, könnte auf diesem Pfad Tage verbringen: Wer würde nicht gerne noch kurz um die nächste Ecke lugen und noch den großen Metallknauf der nächsten Kirche probieren, um einen Blick auf die Orte zu erhaschen, wo Samuel Pepys oder William Blake einst Gottesdienste besuchten?23 Fast jeder Schritt verstofflicht meinen Bücherdrang. Mein Weg führt da vorbei, „wo Saint Mary Woolnoth die Stunde schlägt“24, kurz nachdem, wie T. S. Eliot in seinem epochalen Gedicht Das wüste Land (1922) berichtet: „Und jeder heftete den Blick vor seinen Fuß. / Das schob sich bergan und abwärts zur King William Street.“25 Im Klaren darüber, dass „das wüste Land“, durch das Eliot zwischen seinem ebenso brillanten wie quälenden Agnostizismus und seiner Konversion zum Anglokatholizismus26 wanderte, größtenteils Londoner Terrain ist, schließt der ungeplante Anblick dieser Kirche für mich einen Kreis. Doch es sind nicht nur weiße angloamerikanische Gottessucher, an die der Rundgang erinnert. Gleich nach Town Hill, wo die katholischen Anführer John Fisher und Thomas Morus im Somme des Jahres 1535 enthauptet wurden, weil sie der weltlichen Übergriffigkeit Heinrichs VIII. widerstanden, betreten Sie einen Platz, umringt von Wolkenkratzern, wo Sie auf eine Ansammlung von beschrifteten Säulen treffen. Es handelt sich um Gilt of Kain27, eine Skulptur, die an den 200. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei im British Empire erinnert. Eine Säule fordert: „WHO WILL KICK OVER THE STALL AND TURN THE TABLE?“ („Wer wird den Marktstand umwerfen und den Spieß umdrehen?“), eine Zeile des Dichters Lemn Sissay, die auf die biblische Szene anspielt, in der Christus die Tische der sich im Tempel befindlichen Finanzdienstleister umschmeißt.28 Sie wirft so einmal mehr die noch unbeantwortete Frage auf: Wer wird dem Treiben des Finanzkapitals endlich Einhalt gebieten und den Verwüstungen, die es anrichtet; der Klasse, deren Reichtum auf den Profiten der Sklaverei basiert, die sie schlau investierte, und die noch, wenn auch eher symbolisch, das Viertel bewohnt, in dem diese Skulptur steht, die offiziell so genannte „City of London“?29
So wenig in der Lage diese Fragen zu beantworten wie jeder andere philosophisch interessierte Mensch, stiefele ich weiter. Ich komme am Eingangsportikus der National Provincial Bank of England vorbei, dessen tiefes Tonnengewölbe in uns dieselbe Ehrfurcht zu erwecken sucht, die wir an der Schwelle einer romanischen Kathedrale empfinden – oder uns unsere Taschen hastig nach unseren Architekturführern durchwühlen lässt, falls wir die Namen solcher Bauelemente vergessen haben sollten. Dann streife ich die Kirche St. Edmund, King and Martyr, deren altertümliche Tafel „206 Fuß oberhalb“ des „Bodens an beiden Seiten des Eingangs“ als ihr „freies Grundeigentum“ beansprucht. Ihr modernes, weniger pedantisches Schild bezeichnet sie als eine „imprint church“30. Das klingt nach Marketingsprech, ist aber zugleich göttlich inspirierte Sprache – wie jedenfalls Wole Agbaja behauptet, ein in Nigeria geborener und im Süden Londons aufgewachsener Evangelikaler, der im Alter von nur 24 Jahren diese Kirchgemeinde wiedergegründet hat, natürlich mit Unterstützung aus HTB. Agbaje erinnert sich an einen Traum, den er hatte, der sich über sieben Nächte erstreckte. Er träumte davon, „ein Schaufenster des Evangeliums zu schaffen, um die Geschichte Jesu durch kreative Medien zu erzählen“ und davon, zu fühlen, „dass Gott mir sagte, dass diese Bewegung ‚IMPRINT‘ heißen und seine verlorenen Söhne heimführen wird“. Dieses grüne Licht von „ganz oben“ lässt keinen Raum für Zweifel. Agbaje wird als jemand betrachtet, dem die ersehnte Verjüngung der Kirche gelungen ist: Knapp unter „200 junge Leute“ versammelten sich in St. Edmund im September 2019 zum Relaunch.31

Leuchtender Glaube, begleitet von langweiligster und großartigster Musik
Agbajes teilweise verwirklichter Traum besteht darin, die Bühnenkünste – „Schauspiel, Dichtung, Tanz, Videokunst und Musik“ – zu synthetisieren, um den Londonern „die Geschichte Jesu“ zu erzählen.32 Ich werde mich eines Urteils enthalten, bis ich an einem dieser christlichen Jamborees teilgenommen habe, die er kuratiert. Aber was den Rest der HTB-Mischpoke angeht – Sie können sich gerne ein eigenes Bild machen und einen ihrer Gottesdienste besuchen: Da gibt’s ausschließlich christlichen Gitarrenrock in Endlosschleife; zuversichtlich-peppig, generisch und unglaublich langweilig. Die Sänger und Gitarristen sind fraglos kompetent oder gar talentiert – und doch muss man schon ein abgehärteter Gläubiger sein, um nicht allzu schnell genug davon zu haben. Vom Anfang der Musik an ist klar: Die Protagonisten der Songs bekennen ihren Status als Sünder und dass nur Jesus sie zu erlösen vermag. Diese völlige Abwesenheit einer Entwicklung oder einer individuellen Stimme lässt skeptische Zuhörer mit der Frage zurück, wie sie die nächsten sechs Minuten überleben werden.33 Back in the US, wo diese heiligen Gitarrenriffs herkommen, vermochte es Johnny Cash mehr Seelenqual in ein einziges Phonem, in einen einzigen Akkordwechsel seiner Dutzenden von Songs über das Christ-Sein zu packen; hören Sie sich nur einmal The Man Comes Around an.34 Zugestanden: Einen wie Cash gibt es in der gesamten Geschichte der Schöpfung nur einmal; doch mit einem solchen Erbe an Seele und Geist erweiternder sakraler Vokalmusik in englischer Sprache als Inspirationsquelle, sowohl populär als auch präelektrisch, wirkt die Entscheidung der HTB-Führung, auf der ganzen Linie auf Neogospelrock aus der Retorte zu setzen, einfach nur selbstgefällig und berechnend. Erhobenen Haupts, wie ein Cash-Protagonist uns lehren würde, fliehe ich diese bloße Wiederholung und werde in eine ganz andere ästhetische Welt geführt. Ohne, dass ich es geplant habe, trugen mich meine Stiefel an die Schwellen von St. Paul’s Cathedral, den Mittelpunkt des London Martyrs’ Way. Gerade richtig zur, wie in der C-of-E üblich, gesungenen 5-Uhr-Eucharistiefeier, zu der die Glocken die Neugierigen rufen. Diese findet im Tambour statt, der hohen zylinderförmigen Struktur, die die zentrale Kuppel des Gebäudes stützt. Die für eine Kirche dieser Zeit (vollendet unter der Leitung Christopher Wrens im Jahr 1708) ungewöhnlich großen Fenster erlauben es dem Sonnenlicht dieses Spätsommertags einzuströmen. Wenn Sie hier sitzen und des Beginns des Gottesdiensts harren, wird Ihr Blick unweigerlich die gewaltigen Steinpfeiler nach oben gezogen, verkleidet mit einer für diese Zeit typischen Kannelierung, hin zum Flüstergewölbe in 30 Metern Höhe. Die ganze erhabene Wirkung kommt glücklicherweise ohne jene aufdringliche Rosagoldheit aus, die so viele Barockkirchen affiziert. Sowohl Gläubige als auch überzeugte Säkularisten können hier Schönheit finden – und letztgenannte kommen unweigerlich ins Grübeln, welche Kraft einst von dieser Bewegung ausging, die, um eine nichtexistente Gottheit gescharrt, ihre Anhänger dazu brachte, solch eine Energie und solche Ressourcen aufzuwenden.
Die unbegleiteten liturgischen Gesänge des Geistlichen, aus denen der Gottesdienst besteht, und auf die die Gemeinde jeweils antwortet, sind wohlbekannt, doch wirken nicht im Geringsten repetitiv.35 Der Dialog Sursum Corda oder „Erhebet die Herzen“, den man singt, bevor das Abendmahl eingenommen wird, ist einer der ältesten der Kirche, sein Text stammt aus den Canones Hippolyti, die Anfang des 3. Jahrhunderts verfasst wurden.36 Auch seine melodische Struktur stammt aus ungefähr derselben Zeit und wird heute in der Tonart G-Mixolydisch gesungen (für Klavier- und Gitarrenspieler: wie G-Dur, nur mit F statt Fis).
Vom Londoner Sklavenschiffkapitän zum Teilnehmer am Sklavenaufstand
Als der begabte Pianist, und gelegentlich auch Komponist, der er war, schrieb Nietzsche viel über Musik37 und gelegentlich auch über Kirchenmusik. In jungen Jahren war er noch lange nicht der teuflische Christenschreck, als der er sich später inszenierte. Als 25-jähriger Professor in Basel schreibt Nietzsche seinem Freund Erwin Rohde, um ihm den „göttlichen Bach“ zu empfehlen, dessen Matthäus-Passion er in der vergangenen Woche „dreimal“ angehört habe: „Wer das Christenthum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium“ 38. Eine solche Leidenschaft passt gut zu seiner frühen Theorie des Christentums als einer affirmierenden statt nihilistischen Bewegung, die die kulturellen Früchte der altgriechisch-dionysischen Weltsicht weiterreicht. Folgende um den Jahreswechsel 1870/71 herum verfasste Notiz darf nicht aus dem Kontext gerissen werden, doch sie stellt das frühe Christentum nichtsdestotrotz als ein Zusammentreffen oder sogar Reibung von johannitisch-griechischen und jüdischen Haltungen dar:
Das Johannesevangelium aus griechischer Atmosphaere, aus dem Boden des Dionysischen geboren: sein Einfluss auf das Christenthum, im Gegensatz zum Jüdischen.39
Allerdings propagiert Nietzsche schon in dieser frühen Phase seines Schaffens originelle und enthistorisierende Ansichten über das frühe Christentum in Texten wie dem verstörenden Essay Der griechische Staat von 1872, das er zu seinen Lebzeiten allerdings nur einem kleinen Kreis von Vertrauten zugänglich machte.40 In diesem Text, in dem Nietzsche für die Sklaverei argumentiert – nachdem der Kongress der Vereinigten Staaten im Januar 1865 den 13. Zusatzartikel zur Abschaffung der Sklaverei erlassen und damit vier Millionen Afroamerikaner befreit hatte –, besitzt er die Dreistigkeit zu behaupten:
Aus der Verzärtelung des neueren Menschen sind die ungeheuren socialen Nothstände der Gegenwart geboren, nicht aus dem wahren und tiefen Erbarmen mit jenem Elende; und wenn es wahr sein sollte, daß die Griechen an ihrem Sklaventhum zu Grunde gegangen sind, so ist das Andere viel gewisser, daß wir an dem Mangel des Sklaventhums zu Grunde gehen werden: als welches weder dem ursprünglichen Christenthum, noch dem Germanenthum irgendwie anstößig, geschweige denn verwerflich zu sein dünkte.41
Die Entwicklung von dieser philochristlichen Position, kaum haltbar vor dem Hintergrund neuerer historischer Forschungen über Christentum und Sklaverei, zu Nietzsches späterer und bekannterer Genealogie des Christentums als ein schlussendlich erfolgreicher „Sklavenaufstand“, durch den eine Klasse ehemaliger Sklaven nach zwei Jahrtausenden zur herrschenden „priesterlichen“ Klasse des Westens aufstieg und so gut wie jeden ihrer lebensverneinenden Weltsicht unterwarf, ist verworren. Sie ist jedoch das Thema einer kleinen Armee exzellenter Artikel und Bücher, teils populärer, teils wissenschaftlicher Natur.42
Ich kann diesen Diskurs hier nicht zusammenfassen, doch halte Nietzsches Behauptung von 1872 für falsch: Die frühen Christen, sowohl Geistliche als auch Laien, von denen viele selbst Sklaven oder ihre Nachfahren waren,43 waren der Vorstellung, dass eine Gruppe von Menschen das Recht besitzen sollte, über die Körper anderer Menschen willkürlich zu verfügen, so entgegengesetzt,44 dass diese Opposition ihre charakteristische Idee wurde, der Motor des Paradigmenwechsels, den sie auf ethischem und geistigem Gebiet bewerkstelligten. Was aus diesem Wechsel wurde, der in mancher Hinsicht vom späten 15. Jahrhundert an kollabierte, als Theoretiker des europäischen Kolonialismus die kanonischen christlichen Texte reinterpretierten, um die Versklavung nichteuropäischer Völker als Arbeitskräfte für die neu entstandenen Kolonien zu rechtfertigen, wird im zweiten Teil dieses Essays untersucht werden. Dort werde ich auch neue Perspektiven auf Nietzsches Schriften sowohl über das Christentum als auch Sklaverei beleuchten. Doch für den Augenblick werde ich noch einmal in die City of London zurückkehren. Wole Agbaja, der St. Edmund, King and Martyr im Jahr 2019 neu begründete, ist auch verantwortlich für die Pfarrkirche, die an jene „Kapelle der Ruhe“ angegliedert ist – St Mary Woolnoth – und spricht über ihre Geschichte.45 John Newton, ein ehemaliger Sklavenschiffkapitän, der zum Abolitionisten wurde und den Text von Amazing Grace verfasste, predigte hier als Rektor, also als ranghöchster Pfarrer, im ausgehenden 18. Jahrhundert: und zwar für die Abolition. Newton war der Mentor von William Wilberforce, evangelikaler Christ und Anführer des parlamentarischen Flügels des britischen Abolitionismus bis das Parlament im Jahr 1807 den Slave Trade Act verabschiedete, der den atlantischen Sklavenhandel auf dem Gebiet des Empire untersagte.46 Warum Nietzsche versuchte, diese äußerst brutalen Praktiken wiederzubeleben, während gleichzeitig schwarze Abolitionisten wie etwa Frederick Douglass (1818–1895), Harriet Tubman (um 1822–1913) and Sojourner Truth (1797–1883)47 ihr Leben dem Kampf gegen dieselben widmeten, und was diese Parteinahme hinsichtlich der Interpretation des Christentums als „Sklavenaufstand“ bedeutet, wird im abschließenden Teil dieses Essays diskutiert werden.
Fortsetzung folgt.
Alle Photographien stammen von Henry Holland. Das Artikelbild zeigt die Skulptur Gilt of Kain im Fen Court in der City of London. Auf ihr eingraviert ist ein Vers des schwarzen britischen Dichters Lemn Sissay: „WHO WILL KICK OVER THE STALL AND TURN THE TABLE?“ („Wer wird den Marktstand umwerfen und den Spieß umdrehen?“)
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Olshanetsky, H., A. Silverman & L. Cosijns: Turning the tables. Re-evaluating the incident between Jesus and the money-changers. In: Cogent Arts & Humanities 13(1) (2026), Art. 2587102. https://doi.org/10.1080/23311983.2025.2587102.
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Stauffer, J.: Giants. The parallel lives of Frederick Douglass and Abraham Lincoln. Twelve Books: 2008.
Stewart-Kroeker, P.: Nietzsche on Socrates, Jesus, and the slave revolt in morality. In: International Journal of Philosophy and Theology 85(3–4) (2024), S. 142–164. https://doi.org/10.1080/21692327.2024.2423000.
Truth, S.: The narrative of Sojourner Truth. Eigenverlag: 1850.
Tubman, H.: Scenes in the life of Harriet Tubman. Graphic Arts Books: 2023. (Original: 1869).
Fußnoten
1: Ich möchte damit nicht sagen, dass Säkularismus und Konsumismus identisch wären. Aber in der jüngeren Geschichte sind sie oftmals Seite an Seite in Erscheinung getreten. Was Säkularismus im Lichte von Nietzsches Schriften bedeutet, wäre ein gutes Thema für einen weiteren Essay.
2: Anm. d. Übers.: Die presbyterianische Church of Scotland gilt als die inoffizielle Nationalkirche Schottlands.
3: Matthäus 19, 24; dieses und alle anderen Bibelzitate in diesem Essay sind, wenn nicht anders vermerkt, der revidierten Luther-Bibel von 2017 entnommen. Für einen informativen und entzaubernden Essay über Marshalls Vermögen und seine politische Agenda, inklusive der hier angeführten Statistiken, vgl. Peter Geoghegan, Making Media Great Again.
4: Ebd. Hier und im Folgenden wurden Zitate aus englischen Texten von Paul Stephan ins Deutsche übersetzt.
6: Anm. d. Übers.: Das deutsche Pendant dazu ist wohl Nius.
7: GB News, Migrant Crisis.
8: Für mehr über die Finanzierung der Plattform und Marshalls politisch-ökonomische Rolle in ihr vgl. Greystone, The Marshall Plan und Geoghegan, We need to talk about Paul (Marshall).
9: In seinem Aufsatz The Ideology of the Aesthetic – Friedrich Nietzsche (1990) nennt Eagleton Nietzsche „einen angriffslustigen Gegner beinahe jedes aufklärerisch-liberalen oder demokratischen Werts, der für ‚alles Selbstherrliche, Männliche, Erobernde, Herrschsüchtige‘ plädiert“ (vgl. Jenseits von Gut und Böse, Aph. 62). 34 Jahre später schrieb Eagleton erneut über Nietzsches „ranzige Politik“ (Seeds of What Ought to Be?; 2024).
10: Greer zit. n. Sohrab Ahmari, US Trade Chief. Brexit liberated the UK.
11: Vgl. zu diesen Statistiken Geoghegan, We need to talk about Paul (Marshall).
12: Johannes 20, 31.
13: Vgl. Epheser 4, 11 und Apostelgeschichte 21, 8.
14: Graystone zit. n. Geoghegan, Making Media Great Again.
15: Graystone zit. n. Geoghegan, Making Media Great Again.
16: Graystone, The Marshall Plan.
17: Vgl. Geoghegan, Making Media Great und Graystone, The Marshall Plan.
18: Nietzsche deutet seinen Begriff der „priesterlichen Kaste“ erstmals in Vom Nutzen und Nachtheil der Geschichte für das Leben, der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, an (vgl. Abs. 8). Er entwickelt ihn vollständig in Zur Genealogie der Moral (1887; vgl. Abs. I, 6) und Notizen aus derselben Zeit (vgl. etwa Nachgelassene Fragmente Nr. 1887 11[280]), wo er eine Gruppe bezeichnet, die in lebensverneinender, asketischer Weise die heutige Gesellschaft dominiert.
19: Vgl. Graystone, Bleeding for Jesus, S. 158 f. Graystone beschreibt hier, wie Alpha von dem ehemaligen HTB-Pfarrer Nicky Gumbel zusammen mit Charles Marnham und John Irvine entwickelt wurde. Sie alle seien laut Graystone entscheidend von ihrer Teilnahme an „den Irwerne-Camps“ als Kinder und Jugendliche geprägt worden: evangelikale Ferienangebote, die sich primär an die Kinder der britischen Elite richteten, also diejenigen, die Großbritanniens führende Privatschulen besuchen. 2017 kam es zu einem Skandal, als bekannt wurde, dass John Symth (1941–2018), Chairman des Iwerne Trust, regelmäßig Kinder in den Lagern während der 1970er und 80er Jahre missbraucht hatte. Justin Welby, Erzbischof von Canterbury von 2013 bis 2025, nahm an diesen Lagern als Heranwachsender ebenfalls teil und hielt persönliche Beziehungen zu Symth jahrelang aufrecht (vgl. diesen Artikel vom 19. 12. 2024: https://www.lrb.co.uk/blog/2024/december/technically-leading).
20: Rosa Luxemburg (1861–1919) und andere marxistische Denker ihrer Generation sprachen häufig vom „Großkapital“, womit sie diejenigen Kapitalisten meinten, die die Produktionsmittel mit dem höchsten Geldwert kontrollieren, und die ökonomischen Interessen dieser Kapitalisten. Vor dem Hintergrund, dass spätere marxistische Denker darin übereinkommen, dass die Produktionsmittel auch die Kultur (re)produzieren, bleibt dieser Begriff relevant.
21: Rob Burley, Inside the capture of the BBC. How transgenderism killed impartiality.
22: Für einen Plan und einen gut gemachten digitalen Führer vgl. www.britishpilgrimage.org/portfolio/london-martyrs-way.
23: Samuel Pepys (1633–1703): englischer Marinebeamter und Tagebuchschreiber, vor allem bekannt für sein detailliertes Tagebuch, das das Alltagsleben im England der Stuart-Restauration dokumentiert, inklusive der Großen Pest und dem Großen Brand von London. William Blake (1757–1827): englischer Dichter, Künstler und Druckgrafiker, dessen visionären Werke – etwa Lieder der Unschuld und Erfahrung – romantische Dichtung mit einer distinkten bildlichen Darstellung vereinten.
24: T. S. Eliot, The Waste Land, S. 89 (Abs. I).
25: Ebd., S. 87.
26: Diese Strömung innerhalb der Anglikanischen Kirche, beliebt vor allem unter Künstlern und Intellektuellen in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts, bleibt der Anglikanischen Gemeinschaft verbunden, während sie in ästhetischer und intellektueller Hinsicht bestrebt ist, sich als Teil „der einen Kirche“ zu begreifen, die ihren diesseitigen Hauptsitz in Rom hat.
27: Für das Kunstwerk kollaborierten der Bildhauer Michael Visocchi (geb. 1977), der Dichter Lemn Sissay (geb. 1967) und der Grafikdesigner Gareth Howat. Die Auftragsarbeit der City of London wurde 2008 enthüllt. Anm. d. Übers.: Der Werktitel ist quasi unübersetzbar. Er spielt mit der Mehrdeutigkeit des Wortes gilt, das „Jungsau“, „etwas Goldenes“ oder auch „Geld“ bedeuten kann, aber auch dem Gleichklang mit guilt, „Schuld“.
28: „Und Jesus ging in den Tempel und fing an, hinauszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler […] stieß er um“ (Markus 11, 15). Das griechische Wort, das hier mit „Geldwechsler“ übersetzt wird, kollybistēs (plural kollybistai), bezeichnet wörtlich jemanden, der Währungen umtauscht und dafür eine Gebühr verlangt. Diese Aufgabe war notwendig, weil die Tempelsteuer, die einen halben Schekel betrug, mit einer tyrischen Tetradrachme bezahlt werden musste, eine Währung, die viele Besucher des Tempels nicht besaßen. – Für eine historisierende Untersuchung dieses Bibelverses vgl. H. Olshanetsky, A. Silverman & L. Cosijns, Turning the tables.
29: Auch bekannt als Square Mile, handelt es sich sowohl um einen lokalen Verwaltungsbezirk im Herzen Londons als auch um ein globales Zentrum des Finanzkapitalismus.
30: Anm. d. Übers.: Gemeint ist in etwa: „eine Kirche, die einen bleiben Abdruck hinterlässt“.
31: Für die Statistiken und Zitate vgl. CCX, Plant stories. Diese Quelle beansprucht nicht, neutral zu sein. Unparteiische Quellen über HTB-unterstützte „Kirchpflanzungen“ sind kaum zu finden.
32: Ebd.
33: Hören Sie sich beispielweise den Videomitschnitt des HTB-Gottesdiensts vom 10. 8. 2025 von ca. 6:20 ab an: https://www.youtube.com/watch?v=Hm7vP_sOI60.
34: 4 ½-minütige YouTube-Version: https://www.youtube.com/watch?v=k9IfHDi-2EA&list=RDk9IfHDi-2EA&start_radio=1.
35: Die Frage nach der Unterscheidung zwischen Wiederholung und Differenz verdient philosophische Beachtung, aber kann hier nicht im Vorbeihuschen beantwortet werden. Ich empfehle Lesern, die sich mit ihr vertieft beschäftigen möchten, die gründliche nietzscheanische Untersuchung Differenz und Wiederholung von Gilles Deleuze (1968).
36: Vgl. Paul F. Bradshaw, Maxwell E. Johnson & L. Edward Phillips, The Apostolic Tradition, S. 39.
37: Für einen ersten Überblick über Nietzsches tiefe biographische und philosophische Verbindung zu dieser Kunstform vgl. zwei Artikel, die zum Thema „Nietzsche und die Musik“ auf diesem Blog publiziert wurden von Christian Saehrendt und Paul Stephan.
38: Nietzsche an Erwin Rohde am 30. April 1870.
39: Nachgelassene Fragmente 1870, Nr. 7[13].
40: Nietzsche widmete den Essay als Privatdruck Cosima Wagner. Es handelt sich um die dritte der Fünf Vorreden zu fünf ungeschriebenen Büchern.
42: Der beste Ausgangspunkt einer solchen Lektüre ist Nietzsches eigene Genealogie der Moral (1887), Abs. I, 7 und I, 10. Abs. I, 7 stellt das Christentum als eine von einer „Priesterkaste“ angeführte Machtergreifung dar, in asketischer Weise gerichtet gegen alles, das dem Leben „eine blühende, reiche, selbst überschäumende Gesundheit“ und „Leiblichkeit“ verleiht. Darüber hinaus beschuldigt Nietzsche „die Juden“, diese Deformation in der Geschichte der Moral bewirkt zu haben, und erblickt das Christentum als eine Fortsetzung dieser Intervention, keinen Bruch mit ihr: „Ich erinnere in Betreff der ungeheuren und über alle Maassen verhängnissvollen Initiative, welche die Juden mit dieser grundsätzlichsten aller Kriegserklärungen gegeben haben, an den Satz, auf den ich bei einer anderen Gelegenheit gekommen bin […] – dass nämlich mit den Juden der Sklavenaufstand in der Moral beginnt: jener Aufstand, welcher eine zweitausendjährige Geschichte hinter sich hat und der uns heute nur deshalb aus den Augen gerückt ist, weil er – siegreich gewesen ist…“ – Auch Tom Hollands Geschichte des frühen Christentums, wie er sie in seinem Buch Herrschaft darlegt, ist nicht gerade neutral – Hollands macht keinen Hehl aus seiner eigenen philochristlichen Position –, aber ein äußerst informativer und kraftvoll vorgetragener Ansatz. Vgl. auch M. N. Forster, Nietzsche. Three genealogies of Christianity; P. Stewart-Kroeker, Nietzsche on Socrates, Jesus, and the slave revolt in morality; J. Rayman, Nietzsche’s genealogy in its relation to history and philosophy; A. Snelson, The history, origin, and meaning of Nietzsche’s slave revolt in morality und G. Elgat, Slave revolt, deflated self-deception.
43: Im Kapitel „Mission: 19. n. Chr.: Galatien“ seines Buches Herrschaft (S. 91 ff.) betont Tom Holland die Rolle der Galater (die in der heutigen Türkei lebten) als einer staatenlosen Nation, die einst von den Autoritäten des Römischen Reiches „versklavt“ worden waren. Das Christentum bestärkte sie nicht nur darin, selbst der Sklaverei zu entfliehen, sondern später so weit zu gehen, das Prinzip der Sklaverei an sich abzulehnen. In diesem Kontext zitiert Holland den Brief des Apostels Paulus (ca. 5–64/65 n. Chr.) an die Galater: „Da gibt es nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, da gibt es nicht Mann und Frau. Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (3, 28 f.; zit. n. S. 98).
44: Im Kapitel „Mission: 19. n. Chr.: Galatien“ seines Buches Herrschaft (S. 91 ff.) zitiert Tom Holland Musonius Rufus und andere Quellen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, um zu zeigen, dass die Männer, die man zu den „freigeborenen Römer[n]“ (S. 110) zählte, in dieser Zeit geringe Skrupel zeigten im Umgang mit ihren Untergebenen, sie „benutzten […] mit größter Selbstverständlichkeit den Straßenrand als Abtritt, und ebenso selbstverständlich benutzten sie Sklaven und Prostituierte, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen“ (S. 111). Im Gegensatz dazu erblickt Holland in Paulus und anderen Mitgliedern der Hagioi – der Kollektivbezeichnung für die frühchristliche Glaubensgemeinde – von Rom als Aktivisten im Kampf gegen diese sexuelle Unterwerfung und der all jener, die keine „freigeborenen Römer“ waren. Er beschreibt diese Versammlungen der frühen Christen als antiautoritäre Räume, „wo sie sich trafen, um der Festnahme und des Leidens Christi mit einem gemeinsamen Mahl zu gedenken“ (ebd.), dort „standen Männer direkt neben Frauen, Bürger neben Sklaven“ (ebd.). Vgl. hierzu auch D. M. Seal, The intersectionality of gender and slavery.
45: Für Abgajes Sicht auf diese Geschichte vgl. das Interview vom 29. Mai 2025 mit Premier Christianity. Was die Gliederung von Agbajes Gemeinde angeht, ist zu beachten, dass St. Edmund, King and Martyr als eine „Kapelle der Ruhe“ fungiert, die organisatorisch an St. Mary Woolnoth angebunden ist. Vgl. https://register-of-charities.charitycommission.gov.uk/en/.
46: Für Newtons Einfluss auf Wilberforce, vgl. J. Pollock, Wilberforce, S. 38 und C. L. Brown, Moral Capital, S. 383. Der Slave Trade Act stellte eine Verbesserung dar, doch befreite weder diejenigen, die bereits versklavt waren, noch untersagte er den Besitz von Sklaven in den britischen Überseegebieten. Die Sklaverei wurde dort erst illegal durch die Verabschiedung des Slavery Abolition Act des Jahres 1833.
47: Für mehr zu diesen schwarzen Abolitionisten, inklusive ihrer eigenen Schriften, vgl. F. Douglass, My bondage and my freedom; P. S. Foner, Frederick Douglass; N. I. Painter, Sojourner Truth; M. C. Sernett, Harriet Tubman; J. Stauffer, Giants; S. Truth, The narrative of Sojourner Truth and H. Tubman, Scenes in the life of Harriet Tubman.
„Steht auf, Sklaven, steht auf!“
Wanderungen mit Nietzsche durch das evangelikale christliche London: Teil 1
Von den Hedgefund-Milliardären, die Nigel Farage finanzieren und dies mit evangelikaler Missionsarbeit verbinden, zu Nietzsches fulminantem Angriff auf das Christentum als ein „Sklavenaufstand“: Dieser Essay spürt der beunruhigenden Art nach, auf die die Religion mitten im Herz des britischen öffentlichen Lebens zurückkehrt. Ausgestattet mit Wanderschuhen, einem Rucksack und dem Skeptizismus eines Philosophen, folgt unser Autor dem Geld, der Theologie und der Straßenkultur rund um das charismatische Christentum und sein scheinbar unaufhaltsames Wachstum. Mitten im Zentrum all dessen steht Sir Paul Marshall: milliardenschwerer Finanzier, christlicher Medienmogul und die Verkörperung eines Glaubens, der sich dazu berechtigt fühlt, nach elitärer Macht zu streben.
Aber es geht um mehr als darum, den Knoten sichtbar zu machen, der Reichtum und Religion verknüpft. Es geht darum, Nietzsches tiefster historische These auf den Grund zu gehen: dass das Christentum triumphierte, weil die sogenannten „Schwachen“ lernten, gegen die „Starken“ zu moralisieren. Wandernd durch Kirchen, Cafés und metropolitane Straßen, fragt dieser Essay, ob das gegenwärtige evangelikale London eine neue Form dieses Aufstands repräsentiert – oder seine völlige Verdrehung.
Der erste Teil widmet sich dem wachsenden Einfluss evangelikaler Netzwerke im heutigen Großbritannien und ihrer problematischen Allianz mit dem Finanzkapitalismus. Der zweite Teil, der bald erscheinen wird, wird dann zu den ersten Christen selbst zurückkehren.
Dieser Artikel ist die Fortsetzung von Henry Hollands Bericht über seine Wanderungen durch den muslimisch geprägten Süden Glasgows (Teil 1, Teil 2).
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.
Der postmoderne Wald
Wie im Wald der Totalitätsanspruch der Moderne konterkariert wird
Der postmoderne Wald
Wie im Wald der Totalitätsanspruch der Moderne konterkariert wird


Der Wald ist im Trend. Und damit steht er keineswegs im Widerspruch zu einem anderen, noch größeren Trend unserer Zeit: der Digitalisierung. Mandus Craiss zeigt in diesem Artikel, dass der Wald ein Netzwerk ist. Auch die Digitalisierung geschieht netzwerkförmig; beide Phänomene sind daher charakteristisch für die Postmoderne.
Im ersten Teil des Artikels wird der Wald charakterisiert als nicht-zentralistisches und damit typisch postmodernes Naturphänomen. Im zweiten Teil wird die „Postmoderne“ definiert und die Frage erörtert, inwieweit dieser Epochenbegriff noch oder wieder aktuell ist – ein Diskurs, dessen ganz frühe Wurzeln auch bis zu Nietzsche zurückreichen. Im dritten Teil wird schließlich dargelegt, wie der Netzwerkaspekt der Postmoderne sich zeigt und wie sich das Mensch-Wald-Verhältnis in jüngster Zeit entwickelt hat.
Dieser Artikel ist Teil unserer diesjährigen Schwerpunktreihe „Lebensgrundlage Wald“.

I. Der Wald als „gekerbter Raum“
Lange nur als Kulisse am Horizont interessant, ist es mittlerweile für die arbeitende Bevölkerung aus den Städten wieder zum Ziel geworden, den Wald auch von innen zu entdecken. Wildnisschulen schießen wie Pilze aus dem Boden, allein im online-Verzeichnis wildnisschulen.de sind 121 Wildnisschulen im deutschsprachigen Raum zu finden. Dort wird eine Mischung aus Survival-Skills, Achtsamkeit in der Natur, Artenkenntnis und „Fühlen“ der Natur einem immer breiteren Publikum nahegebracht.1 Apropos Pilze: Auch das „in die Pilze gehen“ erlebt eine ungeahnte Renaissance, wie man bei YouTube oder in den Auslagen von Buchhandlungen erkennen kann. In den bildenden Künsten, auf Musikfestivals und auf (digitalen) Plattencovern sind Natur- & Wildnismotive schwer „en vogue“ – spätestens seit durch die Corona-Lockdowns breite neue Bevölkerungsteile in die wenigen verbliebenen Naturgebiete unseres industrialisierten Erdteils drängen, allen voran in die Wälder.
Dass darin ein Drang nach Freiheit sich Bahn bricht, legt der Philosoph und Publizist Alexander Grau in seinem 2023 erschienenen Band Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit sehr stringent dar. Seine These, die sich in verschiedener Varianz im Buch wiederholt, ist:
Der Wald eignet sich als Symbol der Freiheit gegenüber dem menschlichen Kontrollstreben und Ordnungswahn deshalb so gut, weil er faktisch ein Raum vielfältiger Kontingenzerfahrung und permanenter Veränderung ist. Insofern ist der Wald ein Veto gegen „die Absolutmachung des Menschen und seine moderne Zuspitzung“.2
Im letzten Halbsatz wird hier Sartre zitiert. Bemerkenswert an Graus Abhandlung ist seine dezidierte Schilderung von Werken mit Waldbezug quer durch polittheoretische Lager: Angefangen bei den Gebrüdern Grimm, Ludwig Tieck und Wilhelm Heinrich Wackenroder über Heinrich Heine hinüber zu Ralph Waldo Emerson und natürlich Henry David Thoreau (Walden), streift er Marx und auch Adorno, geht detailliert ein auf Adalbert Stifter und Wilhelm Raabe, aber auch auf die Wandervogel-Bewegung und dabei auf Nietzsche, allem voran den Zarathustra, um schließlich bei Ernst Wiechert noch einmal sehr ins Detail zu gehen wie auch bei Ernst Jünger und zuletzt bei Jean-Paul Sartre3.
Einzelne Details von Grau – tendenziell im konservativen Milieu zu verorten – und seiner Abhandlung sind freilich streitbar; so bleibt die Begründung, warum das Umarmen von Bäumen und Waldbaden „intellektueller Kitsch der Extraklasse“ (S. 171) sei, noch etwas dürftig, artikuliert sich doch eigentlich genau in solchen Praktiken der von Grau im selben Absatz hochgehaltene intuitive Zugang zum Wald ohne „Sinndeutung“ (ebd.). Insgesamt besticht der Text dennoch durch eine Radikalität im besten Sinne von „an die Wurzel gehend“ und hinterfragend, ohne gleich neue Konzepte zu liefern, die immer auch Korsette sind für die demgegenüber uneinfangbar komplexe Natur:
Wer in einem Anfall von Größenwahn und Weltvergessenheit aus der Harmonie des Naturganzen ausbricht, wird zugrunde gehen. Wahre Freiheit findet der Mensch nicht im Streben nach privaten oder politischen Wolkenkuckucksheimen, sondern indem er sich in den Fluss der Natur begibt. Wir würden heute von Flow sprechen.4
In dieser Abkehr von „Wolkenkuckucksheimen“, sprich kleinen und großen Utopien, klingt das postmoderne „Ende der großen Erzählungen“ an ebenso wie Nietzsches Kritik an der „Hybris“ als unserer ganzen „Stellung zur Natur, unsre Natur-Vergewaltigung mit Hülfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit“5, wie Nietzsche in der Genealogie der Moral schon 1887 verlautbarte.
Auch die Erfahrung von Kontingenz und permanenter Veränderung in Wald und Natur wird von Nietzsche an einigen Stellen vorweggenommen, wie hier in der Götzen-Dämmerung: „Die Natur, künstlerisch abgeschätzt, ist kein Modell. Sie übertreibt, sie verzerrt, sie lässt Lücken. Die Natur ist der Zufall.“6 Natur als Kontingenz und auch sich verschenkende Verschwendung – wie zur Baumblüte.
Bei Grau wird die Beschreibung des Waldes als Paradebeispiel für die Kontingenz (das Heidegger’sche „Geworfensein“?) in der Natur besonders dann spannend, wenn er den Vergleich zu anderen Naturräumen aufmacht:
Auch am Meer oder in der Steppe wird Geschichte erlebt […]. Doch diese Lebensräume selbst scheinen zeitlos, das Meer ebenso ewig und unverrückbar wie die Gebirge oder die Wüste. Im Wald jedoch wird der Mensch nicht nur mit Ereignissen konfrontiert und dem zyklischen Lauf der Jahreszeiten, sondern mit der Zeit selbst. Vergänglichkeit wird hier unmittelbar erlebt, der Wald entlarvt die Ewigkeit, die Meere oder Gebirge suggerieren, als perspektivische Fehlwahrnehmung.7
Alles fließt, panta rhei – Heraklit kommt wieder einmal zu neuem Recht.
Als Begründung wird von Grau angeführt, dass Ackerflächen, die vor wenigen Jahren angelegt wurden, heute schon zugewachsen sind, dass vor Kurzem passierbare Pfade heute kaum noch zu erkennen sind8 und auch, dass Flora und Fauna des Waldes seit Jahrtausenden auch Produkte „unzähliger Menschheitsgenerationen, ihrer Art zu jagen, [zu roden,] zu siedeln und Ackerbau zu betreiben“ sind.9
Daraus lassen sich drei Landschaftsmuster ableiten: Zuerst der „glatte“10 Raum der von der Natur aus „ewigen“ Landschaften: Wüste, Berge, Meer. Dann zweitens der „gekerbte“ Raum der ewig veränderlichen Landschaft des Waldes – in welcher Natürlichkeit und Anthropogenität untrennbar verwoben sind. Und drittens schließlich der ganz vom Menschen geschaffene glatte Raum der „cultura“, von Grau als „gerodetes Ackerland“ beschrieben,11 in welchem der Mensch landschaftliche und soziale Ordnung herzustellen und sich von der biologischen Evolution abzukoppeln anstrebt, anders ausgedrückt: Ewigkeit herstellt durch Rationalität und Mathematik in Zeit (Erntezyklen, Planung) und Raum (Geodäsie, Geometrie). Diese Bestrebungen perfektionieren sich mit jedem Entwicklungszyklus der menschlichen Kultur und kulminieren in der Moderne, in welcher kein wildes Tier und kaum ein gesundheitliches Risiko noch nicht vom zivilisierten Menschen beherrscht wird, der Zufall mit jeder Prozessoptimierung mehr stirbt und die Freiheit mit der Sicherheit im Panoptikum des digitalisierten „Qualityland“12 zu Grunde geht.
Ohne Beispiele zu nennen, zieht Grau eine Verbindung zur Philosophiegeschichte:
Entsprechend sahen Philosophen aller Zeiten in der Weite der Ozeane und der Majestät der Gebirge geradezu Allegorien des Denkens, die das Philosophieren zudem ästhetisch aufwerteten und ihm Pathos und Majestät verliehen. Damit verbunden war der Anspruch der Philosophie, Wahrheiten und Einsichten zu verkünden, die genauso ewig, unverrückbar und grenzenlos sind wie Meere oder Gebirge. Der so erhobene Absolutheitsanspruch hat allerdings unverkennbar totalitäre Züge. […] Anders der Wald. Hier ist nichts ewig. Hier ist nichts zeitlos. Und statisch ist hier schon einmal gar nichts. Wald bedeutet Veränderung, Zeitlichkeit und Relativität.13
Gut, dass sich die Kritik an Totalitarismus und Absolutheitsansprüchen nicht nur bei Alexander Grau, sondern in allen relevanten Feldern der Philosophie und der Politik durchgesetzt hat. Dies zeigt einerseits eine gewisse Lernfähigkeit der Spezies Mensch angesichts der „totalitären“ Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, andererseits aber auch (etwas später) eine Weitung des Blickwinkels für bisher „subalterne“ Perspektiven, sei es durch Feminismus, Postkolonialismus, Indigenous Rights Movements oder allgemeiner im Hintergrund davon: Poststrukturalismus und Sozialkonstruktivismus.

II. Was ist die „Postmoderne“?
Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs zeigte die Gefahren und Abgründe des Totalitarismus auf, jedoch dauerte es noch eine knappe Generation, bis die Erkenntnis sich verbreitete, dass es nicht entscheidend ist, welches politische System der Moderne im Krieg siegreich ist, sondern dass die Hybris der Moderne mit ihrem subtilen Absolutheitsanspruch selbst auf Holz gebaut ist (oder, mit Grau und Sartre: auf zurückgedrängtem Wald, der lauernd auf das Verschwinden der ordnenden Hand wartet). Denn in jener Epoche, die aus heutiger Zeit zum Teil schon wieder als historisch abgeschlossen und mit einem „Post-Präfix“ bezeichnet werden kann, in welcher Foucault, Deleuze & Derrida ihre Blütezeiten erlebten, James Stirling neben Charles Willard Moore die Architektur prägte und Modedesignerin Vivianne Westwood oder Sängerin und Ikone Grace Jones die Kultur, wurde zum ersten Mal in einem groß angelegten Konzept die Vergänglichkeit und Kontingenz der menschlichen Ratio selbst als Kultur artikuliert: Die Rede ist natürlich von der Postmoderne!
Im engeren Sinne kann diese Epoche als eine zentrale kulturelle Strömung der 1970er bis 1990er Jahre begriffen werden. Die Ölkrisen, der Zusammenbruch der Dollar-Gold-Bindung 1971, die Club of Rome-Berichte zu den „Grenzen des Wachstums“ ab 1972 und andere Ereignisse deuteten an, dass der im Westen wie im Osten geglaubte Absolutheitsanspruch der technologisch-ökonomischen Machbarkeitsideologie erste Risse zu bekommen schien.14
Michel Foucault macht philosophisch deutlich, dass der Anspruch der Aufklärung, eine humanere Gesellschaft zu fördern – zum Beispiel durch rationalere Systeme der Psychiatrie und des Strafvollzuges – einen sehr hohen, vielleicht unverhältnismäßigen Preis erfordert.
Deleuze und Guattari erörtern in ihren Tausend Plateaus 1980, dass die Rationalität, welche der kapitalistischen Moderne zugrunde liegt, auch mathematisch nur eine von verschiedenen Möglichkeiten darstellt; sie beschreiben Fluchtlinien zu minoritären Strömungen in Mathematik, Wissenschaft und auch Geschichte (eben nicht jener der Sieger) bis hin zu Schamanismus und anderen nicht von den Kolonialmächten kommenden Zugängen zu Körper und Geist. Selten wurde der illusionäre Charakter ewiger Wahrheiten facettenreicher – oder in ihrem eigenen Begriff: mannigfaltiger – beschrieben als bei Deleuze & Guattari in deren gemeinsamen Werken, deren Stil passend zur Postmoderne eklektizistisch wirkt.15
Denn Postmoderne definiert sich, wie der Kunstwissenschaftler Klaus Kowalski beschreibt, durch eine „auf Unabhängigkeit gerichtete Demokratisierung kulturellen Lebens, die sich in einem Poly-Stilismus äußert“16 und als „bereichsübergreifende inhaltliche Vermischungen“17 in Abgrenzung vom bisherigen „allgemeinen, die Welt deutenden Anspruch“18. Als stilgebende graphische Form findet die Collage Verbreitung; in der Architektur wird das Vermischen von technischer Modernität mit Merkmalen früherer Epochen wie klassischen Säulen oder dann auch gotischen oder primitivistischen Elementen stilgebend. Die berühmte Äußerung von Jean-François Lyotard über die Postmoderne als „Ende der großen Erzählungen“ steht hinter all diesen Entwicklungen im Raum.19
Antonio Negri & Michael Hardt fügen zu diesen Perspektiven auch noch eine Veränderung der Arbeitswelt als Argument mit an, denn
ab den 1970er Jahren verlagerten sich die Techniken und die Organisationsform der industriellen Produktion [...] hin zu kleineren und mobileren Arbeitseinheiten und flexibleren Produktionsstrukturen – ein Wandel, der oft als Übergang von der fordistischen zur postfordistischen Produktion bezeichnet wird.20
Sie bezeichnen daher als Postmoderne „die heutige kapitalistische Produktion“, die gekennzeichnet ist „durch eine Reihe von Übergängen, die verschiedene Facetten desselben Wandels benennen: von der Hegemonie der industriellen Arbeit hin zu der der immateriellen Arbeit, vom Fordismus zum Postfordismus und von der Moderne zur Postmoderne“21.
Sie beschreiben daraus hervorgehend als neue netzwerkförmige globale Supermacht das „Empire“, ein komplex-verstricktes globales Herrschaftsverhältnis, das sich nicht durch Sturm auf ein Zentrum angreifen lässt. Dem setzen sie als progressiven, emanzipatorischen Akteur die „Multitude“ gegenüber:
Eine Multitude ist eine irreduzible Vielfalt; die singulären sozialen Differenzen, aus denen sich die Multitude zusammensetzt, müssen stets zum Ausdruck kommen und dürfen niemals zu Gleichheit, Einheit, Identität oder Indifferenz nivelliert werden.22
Als solche kommen sie punktuell, rhizomförmig,23 für ein Ziel zusammen, lösen sich schnell wieder auf, verbinden sich neu – auch hier die Netzwerkform:
Die Multitude ist die eigentliche produktive Kraft unserer sozialen Welt, wohingegen das Empire ein bloßer Apparat der Vereinnahmung ist, der einzig von der Vitalität der Multitude lebt – oder, wie Marx es ausdrücken würde: ein Vampirregime akkumulierter toter Arbeit, das nur überlebt, indem es das Blut der Lebenden aussaugt.24
Der „Vereinnahmungsapparat“, den Deleuze & Guattari auf der psychologischen Ebene beschreiben, hier in seiner politisch-ökonomischen Dimension. Auch Guy Debords Konzept der „Rekuperation“, der Aneignung subversiver Impulse durch die „Gesellschaft des Spektakels“, lässt grüßen … Die Omnipräsenz eines alles vereinnahmenden Marktes ist in den letzten Jahrzehnten eher gewachsen, verbunden mit dem ebenfalls typisch postmodernen Verlust „großer Heilslehren“ (Kommunismus, Religion, …).
Viele dieser Dimensionen der Postmodernität können wir in der Gegenwart der 2020er Jahre durchaus wieder in einer gestiegenen Brisanz erleben: Man denke an „Deep Fake“ und „Postfaktizität“, an unsere fragile globale Menschheitskultur mit ihrer Öffentlichkeit und ihren Warenströmen, die durch Covid19, die Lockdowns, die Havarie im Suezkanal und die Blockade der „Straße von Hormus“ empfindlich gefährdet wurden, wie auch daran, dass sogar die Natur selbst angesichts des Klimawandels nicht mehr unvergänglich ist: Berge bröckeln mit dem Permafrost dahin, das Meer ist sowohl unter Wasser (Korallenriffe) als auch am Wasserspiegel nicht mehr dasselbe.
Somit passt der im Wald verkörperte „panta rhei“-Anspruch sehr gut in ein langsam Fahrt aufnehmendes 21. Jahrhundert, das Foucault zurecht als das „deleuzianische Jahrhundert“ prophezeit hat.25

III. „Wir sind ein Wald, der leise wächst.“
Der Wald ist, mit seinen überwuchernden Pfaden, seiner Verflechtung aus stehend-lebenden und sterbend-liegenden Bäumen, seiner Laubzersetzung und seinem mannigfaltigen unterirdischen Bodengeflecht, in jedem Falle eine Multitude – wie auch die Multitude selbst gesehen werden kann als „Wald, der leise wächst“26.
Wälder sind sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene ein Netzwerk – was dem Internet gar nicht so unähnlich ist.
Auf der Mikroebene ist der Waldboden ein äußerst komplexes filigranes Netz, kommunizieren Bäume, wie man in den Bestseller-Büchern von Peter Wohlleben nachlesen kann, mittels Wurzelrhizomen miteinander, tauschen in Symbiose mit Pilzmycel Stoffe aus, „stillen“ sogar ihre Kinder oder warnen vor Fressfeinden durch Botenstoffe in rhizomatischen Verbindungen.27 Generell ist der Waldboden durchwoben von einem Netz unterschiedlichster hauchdünner Fäden und Stränge.
Auf der Makroebene sind Wälder Wanderkorridore für die Migration der Fauna und Flora. Denn das „Gespenst der Migration“28 geht nicht nur um in der (post-)modernen Menschheitsgesellschaft, sondern auch bei Tieren und Pflanzen, die ihre Populationen einerseits durchmischen müssen, um Inzucht entgegenzuwirken, andererseits im Zuge des Klimawandels durch Wanderkorridore in jene Regionen vordringen können sollten, in welchen das Klima (noch) zu ihnen passt. Während im Laufe der industrialisierten Moderne der Mensch immer mehr Infrastruktur durch die rationalen Techniken des Städte-, Straßen- und Landschaftsbaus errichtet und miteinander vernetzt hat, die Landschaft durchzogen ist von Autobahnen, Stromtrassen und Telekommunikationskanälen, arbeiten Umweltverbände wie der BUND seit etwa 20 Jahren daran, demgegenüber durch gezielte, wissenschaftlich begleitete Korridorpflanzungen die weitgehend isolierten Wälder zu einem Waldbiotopnetz zu verbinden, welches von Wildkatze, Luchs & Co. genutzt wird, aber auch generell den ursprünglichen Charakter des Waldes als Netzwerk wieder herstellen soll. Auf dem deutschen Naturschutztag hat Mitte März dieses Jahres Bundesumweltminister Carsten Schneider dazu einen Gesetzesentwurf zur „Sicherung der natürlichen Infrastruktur“ angekündigt; in Zeiten einer eher defensiven Umweltpolitik ein beachtlicher Schritt29, mit 2 % Wildnis als Ziel bis 2030 – zumindest steht es so im Nationalen Strategiepapier30.
Die Ambivalenz steckt natürlich tief in diesem Vorhaben, wie in vielen Methodiken des zeitgenössischen Naturschutzes, durch neue Eingriffe in einer vom Menschen bereits stark überprägten Umwelt frühere Eingriffe zu korrigieren31; der endgültige Übergriff der „cultura“ auf den Wald – oder eine späte Anerkennung der wertvollen, uns übersteigenden Komplexität? Immerhin wird hier mit rationalen Techniken und planerischer menschlicher Vernunft eine Infrastruktur der „Wildnis“ in die Wege geleitet (auch im wörtlichen Sinne), die dann jedoch unabhängig von „uns“ weiter existieren und sich entwickeln soll.
Wenn man Grau, und auch Sartre, nachgeht, dürfte der Wald jede Chance nutzen, sich eigenständig zu entwickeln, die „cultura“ wieder zu überwuchern: „Permanent versucht der Wald sich zurückzuholen, was ihm zuvor mühsam abgerungen wurde“32. Jedoch ist es nicht in allen Naturregionen der Erde der wuchernde Wald, der sich als wilde, permanent verändernde Natur gegen die Kultur ausbreitet – in anderen Erdteilen sind es z. B. die Wüsten, die sich zurückholen, was ihnen abgerungen wurde. Oder die Steppen. In seltenen Fällen auch das Wasser, z. B. auf Deichmarschland oder im Bereich von Talsperren.
Daran anschließend steht in Frage, ob es in Zeiten des Klimawandels immer Wald ist, der sich auf verlassenen Flächen als erstes ausbreitet; die „Lieberoser Wüste“ in Brandenburg zeigt, dass es auch anders kommen kann.33 Und es gibt Berechnungen, dass viele Wälder durch den Klimawandel dauerhaft bedroht sind, denn auch hier macht die ewige Veränderung und auch die Entropie durchaus nicht halt: Dauerhafte Trockenheit führt zu Schädlingsbefall, Absterben und häufig auch zum Abbrennen von Waldgebieten.34 Der glatte Raum könnte auf dem Vormarsch sein, in diesem Fall die Wüste. Damit hätte die „cultura“ es geschafft, sich selbst zu reproduzieren und den „Rückfall“ des Waldes für immer zu unterbinden. Es wäre der Sieg der „metropolitanen Wüste“, von der in post-situationistischen Schriften die Rede ist.35 Oder ein Sieg von Markt, Lärm und „giftigen Fliegen“, welche Nietzsche im Zarathustra der Waldnatur gegenüberstellt:
Würdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem Baume, den du liebst, dem breitästigen: still und aufhorchend hängt er über dem Meere. Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen.36
Ein Sieg, der nicht nur äußerlich sein könnte, sondern sogar unser Innenleben bedroht. So warnt Zarathustra an anderer Stelle: „Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!“37
Dem entgegen steht, dass es gerade eine zentrale Eigenschaft von Natur wie von Wald ist, anpassungsfähig und damit resilient zu sein. Auch die menschengemachten Wüsten wie die Lieberose oder Bledow in Polen können zurückgehen,38 in den Waldbrandgebieten von Harz oder Sächsischer Schweiz breiten sich neue, resilientere Baumarten aus. Das entbindet uns allerdings nicht von verantwortungsvollem Handeln, denn gerade weil wir Menschen Teil des Netzes der Natur sind, sind es nicht zuletzt auch unsere Entscheidungen, die zwischen Verwüstung und Bewaldung den Ausschlag geben.
Eine Grundlage ist hier sicher Respekt vor der uns übersteigenden Komplexität der Natur, was Nietzsche pantheistisch anmutend beschreibt, wenn er fordert: „[B]ei einem durch einen Fichtenwald gehauenen Weg der Dome gedenken: der Wald hat einen überwältigenden Einfluß auf den Erbauer geübt.“39
Ob beim Errichten von „Domen“ und Kathedralen oder in unzähligen weiteren Beispielen: Die Waldnatur beeinflusst große Teile menschlichen Kulturschaffens – aber deutlicher als zu Nietzsches Zeiten sehen wir heute, wie auch die menschliche Kultur wachsende Teile der Waldnatur beeinflusst. – Mensch und Wald sind eben multidimensional, rhizomatisch, miteinander verbunden.
Mandus Craiss (geb. 1983) ist in Ludwigsburg aufgewachsen und hat Politikwissenschaft, Kulturwissenschaften, Philosophie, Neue Geschichte und Geographie in Tübingen und Leipzig studiert. Er ist in der ökologischen und altermondialistischen Bewegung sozialisiert und in diesem Kontext viel gereist, zu einem großen Teil per Anhalter. Als zentraler Redakteur der früheren BUNDjugend-Zeitschrift Kritische Masse hat er auch Artikel und Interviews zu politischer Philosophie von Fromm bis Foucault veröffentlicht. Seine Magisterarbeit behandelt die Werke von Deleuze & Guattari in Bezug auf das bedingungslose Grundeinkommen. Er lebt mit seinem Sohn in einer Hausgemeinschaft am Rande von Leipzig. Für die Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie hielt er auf YouTube einen einführenden Vortrag zu Deleuze & Guattari.
Das Artikelbild stammt von dem australischen Künstler Mitchell Nolte (Link), den wir mit der Illustration unserer kompletten Waldreihe beauftragt haben. Die Photos stammen von Mandus Craiss.
Literatur
Deleuze, Gilles & Félix Guattari: Tausend Plateaus.
Foucault, Michel: Schriften in vier Bänden II. Frankfurt a. M. 2017.
Franke, Nils: Naturschutz – Landschaft – Heimat. Romantik als eine Grundlage des Naturschutzes in Deutschland. Wiesbaden 2016.
Grau, Alexander: Vom Wald. Eine Philosophie der Freiheit. München 2023.
Hardt, Michael & Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt a. M. 2003.
Dies.: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire. Frankfurt/ Maina. M. 2004.
Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Berlin 2017.
Ders.: QualityLand 2.0. Kikis Geheimnis. Berlin 2022.
Kowalski, Klaus: Postmoderne. Stil, Epoche oder Firlefanz? Hanau 2013.
Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Paris & Wien 1979.
Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand. Hamburg 2010.
Wohlleben, Peter: Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren. Die Entdeckung einer verborgenen Welt. München 2015.
Fußnoten
2: S. 169.
3: Es ist bemerkenswert, dass Sartre in Graus Argumentation eine so große Rolle spielt, gilt er doch als eher naturferner Denker (vgl. das Gespräch mit Jens Bonnemann über Sartre und Nietzsche auf unserem Blog).
4: Ebd., S. 116.
5: Zur Genealogie der Moral, Abs. III, 9.
6: Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 7. Leider sind Nietzsches Zitate zum Thema „Natur“ allzu oft durchsetzt von einer Verachtung für das Schwache (ebd: „Das Studium ‚nach der Natur‘ scheint mir ein schlechtes Zeichen: es verräth Unterwerfung, Schwäche, Fatalismus“); die Natur wird gegen das Christentum in Stellung gebracht, weil dieses die Schwachen beschützt; es wird polemisiert gegen Rousseaus Forderung „Zurück zur Natur“ (die „canaille“; vgl. Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 48) und gegen die sozialistische Pariser Commune (vgl. Zur Genealogie der Moral, Abs. I, 5). Natur wird dann bewundert, wenn das Raubtier sich die Beute schnappt; zugleich wird menschliche Naturzerstörung („Zerbrechen von Zweigen, Ablösen von Steinen, Kampf mit wilden Thieren“ [Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 103]) dann hochgehalten, wenn sie die Überlegenheit der Überlegenen manifestiert. Dies deutet hin auf einen starken Glauben an Ungleichwertigkeit und eine ideologische Fundierung von Sadismus als eines „natürlichen Akts“, als wäre dies ein Grundbedürfnis – und nicht eine Sublimation eines unbefriedigten solchen, wovon eher auszugehen ist.
7: Grau, Vom Wald, S. 38.
8: Vgl. ebd., S. 10 f.
9: Vgl. ebd., S. 37 f.
10: Das Konzept von „glattem“ und „gekerbtem“ Raum stammt von Deleuze & Guattari und wird in deren Werk Tausend Plateaus (1980) beschrieben.
11: Vgl. Grau, Vom Wald, S. 9 f. Was übrigens nicht der tatsächlichen lateinischen Wortherkunft entspricht, welche eher vom Begriff der „Pflege“ (von Körper und Geist im Innen und Außen) herrührt. Vgl. https://www.dwds.de/wb/etymwb/Kultur.
12: „Qualityland“ nennt sich der globalisierte Staat in den beiden gleichnamigen dystopischen Romanen von Marc-Uwe Kling aus den Jahren 2017 und 2022; Orwell und Huxley könnten aber auch Pate stehen.
13: Grau, Vom Wald, S. 12 f.
14: Im Vergleich mit einem Boot würde man heute nicht mehr von Rissen in der Bordwand sprechen, sondern von einem Trümmerhaufen im Meer des Chaos treibender Planken, auf denen Vereinzelte in permanenter Gefahr und steuerungsunfähig dahintreiben.
15: Nietzsche nimmt diese Kritik an allgemeingültigen Wahrheiten bereits vorweg, auch wenn er eher dazu neigt, viele eigene allgemeingültige Wahrheiten gegen die bisherigen verkünden zu wollen.
16: Postmoderne. Stil, Epoche oder Firlefanz?, S. 156.
17: Ebd., S. 90.
18: Ebd., S. 88.
19: Vgl. Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen, S. 23 ff.
20: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, S. 82.
21: Ebd., S. 146.
22: Ebd., S. 105.
23: Der Begriff des „Rhizom“ als Gegenstück zur klassischen Logik des Baumes und der Wurzel ist auch ein Schlüsselbegriff von Deleuze & Guattari (vgl. Tausend Plateaus).
24: Empire. Die neue Weltordnung, S. 62.
25: Vgl. Michel Foucault, Schriften in vier Bänden II, S. 94.
26: Es gibt einen ökologisch-spirituellen Protestsong mit diesem Namen: „Wir sind ein Wald, der leise wächst“. Vgl.: https://music.youtube.com/watch?v=v7F1zlT3I7k.
27: Am bekanntesten neben etlichen anderen Veröffentlichungen des Autors: Das geheime Leben der Bäume: Was sie fühlen, wie sie kommunizieren (2015).
28: Hardt & Negri, Empire, S. 213.
30: Vgl. BUNDmagazin 2 / 26, S. 10; mit derzeit 0,62 % sieht es so aus, als werde die Umsetzung der Ziele ähnlich stiefmütterlich wie jene der internationalen Klimaziele verfolgt – wenngleich mit zugestanden geringerer Dringlichkeit.
31: Vgl. Nils Franke, Naturschutz – Landschaft – Heimat. Romantik als eine Grundlage des Naturschutzes in Deutschland.
32: Grau, Vom Wald, S. 13 f.
33: Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Lieberoser_Wüste.
34: U. a. nachzulesen unter: https://www.bundesumweltministerium.de/faqs/waelder-im-klimawandel.
35: Vgl. Unsichtbares Komitee, Der kommende Aufstand, S. 70.
36: Also sprach Zarathustra, Von den Fliegen des Marktes.
37: Also sprach Zarathustra, Unter Töchtern der Wüste, 2.
38: Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/B%C5%82%C4%99d%C3%B3w-W%C3%BCste.
Der postmoderne Wald
Wie im Wald der Totalitätsanspruch der Moderne konterkariert wird
Der Wald ist im Trend. Und damit steht er keineswegs im Widerspruch zu einem anderen, noch größeren Trend unserer Zeit: der Digitalisierung. Mandus Craiss zeigt in diesem Artikel, dass der Wald ein Netzwerk ist. Auch die Digitalisierung geschieht netzwerkförmig; beide Phänomene sind daher charakteristisch für die Postmoderne.
Im ersten Teil des Artikels wird der Wald charakterisiert als nicht-zentralistisches und damit typisch postmodernes Naturphänomen. Im zweiten Teil wird die „Postmoderne“ definiert und die Frage erörtert, inwieweit dieser Epochenbegriff noch oder wieder aktuell ist – ein Diskurs, dessen ganz frühe Wurzeln auch bis zu Nietzsche zurückreichen. Im dritten Teil wird schließlich dargelegt, wie der Netzwerkaspekt der Postmoderne sich zeigt und wie sich das Mensch-Wald-Verhältnis in jüngster Zeit entwickelt hat.
Dieser Artikel ist Teil unserer diesjährigen Schwerpunktreihe „Lebensgrundlage Wald“.
Nietzsche und der Nationalismus?
Ein Streitgespräch zwischen Michael Drescher und Paul Stephan
Nietzsche und der Nationalismus?
Ein Streitgespräch zwischen Michael Drescher und Paul Stephan


Nietzsche war Zeit seines Lebens ein großer Kritiker des Nationalismus. Besonders das aufkeimende deutsche Nationalgefühl war ihm ein Dorn im Auge und er schrieb seinem Herkunftsland beißende Sätze wie „Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine…“1 ins Stammbuch. Gleichzeitig zählen Nationalisten und Patrioten aller Couleur zu seinen Fans. Wie kann man Nietzscheaner und (deutscher) Nationalist sein? Was ist überhaupt „Nationalismus“ und ist es möglich, diesem Begriff einen positiven Sinn zu geben?
Paul Stephan diskutierte über diese heiklen Themen, die angesichts der Erfolge nationalistischer Parteien weltweit immer mehr an Brisanz gewinnen, in schriftlicher Form mit dem YouTuber, Nietzsche-Kenner und Nationalismusforscher Michael Drescher alias PhrasenDrescher.
Ergänzend setzten beide diesen Dialog in mündlicher Form auf YouTube fort – schauen Sie sich das Ergebnis gerne hier an (oder als reine Audioversion auf SoundCloud).
I. Utopie, Nationalismus und Deutschsein
Paul Stephan: Lieber Michael, vielen Dank, dass du dich zu unserem Gespräch zum Thema „Nietzsche und der Nationalismus“ bereiterklärt hast. Manchen unserer Leser bist du wahrscheinlich nicht so sehr unter deinem bürgerlichen Namen, sondern als „PhrasenDrescher“ bekannt. Unter diesem Namen betreibst du einen sehr reichweitenstarken Kanal auf YouTube, auf dem du insbesondere einige der wichtigsten Werke Nietzsches als Hörbücher eingelesen hast – sehr empfehlenswert! – sowie Werke anderer bedeutender Philosophen und Schriftsteller, dich aber auch immer wieder zu philosophischen Themen selbst zu Wort meldest. Eines deiner Hauptthemen ist der Nationalismus, zu diesem Thema promovierst du auch gerade. Das ist also die zweifache Rolle, in der ich dich eingeladen habe: als Nietzsche-Experte und als Nationalismusforscher.
Man muss hierbei vielleicht direkt betonen, dass du dich keinem der beiden Themen ganz neutral widmest. Du hegst offenkundig große Sympathien für Nietzsche, aber auch für die Idee der Nation. Dazu hast du 2024 auch ein populärwissenschaftliches Buch publiziert, Deutschsein für Fortgeschrittene, in dem du für eine Art „Rehabilitation“ des deutschen Nationalismus wirbst.
Vielleicht beginnen wir unser Gespräch mit einer Begriffserklärung, denn deine Verwendung des Begriffs „Nationalismus“ sorgt wahrscheinlich schon jetzt für gewisse Irritationen bei manchen Leserinnen und Lesern – und ist auch mir beim Lesen des Buches aufgestoßen. Doch nicht zuletzt darum soll es in unserem Gespräch ja gehen: Die eigenen „Beißreflexe“ erst einmal zurückzustellen und in einen sachlichen Diskurs zu kommen zu wichtigen Grundfragen unserer Zeit, auch wenn man am Ende wahrscheinlich nicht zu einem Einvernehmen kommt. Zuhören, was der andere wirklich zu sagen hat, anstatt ihn sofort in eine Schublade zu stecken. Vielleicht kann man darin eine Übung in der Kunst des „perspektivische[n] Sehen[s]“2, von dem Nietzsche spricht, erblicken.
Normalerweise unterscheidet man ja zwischen Patriotismus und Nationalismus. Der Patriotismus sei eine unproblematische Identifikation mit der eigenen Nation, der Nationalismus dessen ungesunde Übertreibung. Du grenzt dich in deinem Buch zwar sehr klar vom Begriff des „Völkischen“, von Rassismus, Imperialismus, Chauvinismus, Antisemitismus und auch sehr unzweideutig dem Nationalsozialismus ab, möchtest aber am Begriff des „Nationalismus“ doch festhalten, und bezeichnest dich, wenn ich dich recht verstehe, auch als „Nationalist“. Wieso ist dir dieser Begriff trotz der negativen Konnotation, die er im heutigen Sprachgebrauch doch hat, dennoch wichtig? Was heißt es für dich, „Nationalist“ zu sein?
Michael Drescher: Lieber Paul, ich danke dir vielmals für deine netten Worte und deine Einführung. Geradezu gerührt bin ich, wie redlich du mich zu diesen Dingen fragst! So eine Offenheit bin ich nur noch aus meinem Studium gewohnt und selbst dort flogen nach einigem hin und her die Fetzen. Sowohl Nietzsche als auch der Nationalismus sind üblicherweise Themen, die in Seminarräumen oder auf Hauspartys meist nicht für bessere Stimmung sorgen. Geradezu verschrien sind beide und allzu gefährlich mutet beides an, wird doch das Denken, das mit beiden einhergeht, direkt für die Gräueltaten des Nationalsozialismus und die Weltkriege zumindest teilweise verantwortlich gemacht. Als Nietzscheaner weißt du, dass Nietzsche diesen Ruf zu Unrecht innehat, weshalb er heute auch weitgehend rehabilitiert wurde. Beim Nationalismus ist die ganze Sache etwas komplizierter.
Es gibt die Nation, es gibt den Nationalismus, es gibt den Patriotismus und es gibt das Deutschsein. Besonders letzterem habe ich versucht, in meinem Buch spielerisch auf die Schliche zu kommen, wobei all diese Begriffe, wie du bereits angedeutet hast, nicht gänzlich voneinander trennbar sind. Ich muss gestehen, dass sie in mir ein schwer zu beschreibendes, aber positives Gefühl auslösen. Ob das meine Objektivität gefährdet? Ich glaube nicht, solange ich dieses Gefühl, das ich mir mit vielen Menschen teile, reflektiere. In der Nationalismusforschung ist es oft (reflektiert oder unreflektiert) andersherum, die meisten Forscher lehnen den Nationalismus offen ab oder wünschen insgeheim, das Zeitalter der Nationen wäre endgültig vorbei.
Besonders der deutsche Nationalismus spielt für die Nationalismusforschung aufgrund der den Nationalismus intellektuell erklärenden Schriften Johann Gottfried Herders, Leopold von Rankes oder Johann Gottlieb Fichtes eine besondere Rolle. Sie werden jedoch von der meist englischsprachigen Forschung heute weitgehend ignoriert; stattdessen herrscht mit der Vereinheitlichung des Forschungsbetriebs nicht nur sprachliche Einfalt, denn Sprache prägt unser Verständnis von der Welt. Dennoch möchte ich die Philosophen der deutschen Romantik, zu denen ja auch Nietzsche hin und wieder gezählt wird, hier erst einmal außen vor lassen, und direkt ans Ende des 20. Jahrhundert springen.
Wenn ich den Nationalsozialismus definitorisch und inhaltlich in meinem Buch auch scharf vom Nationalismus abgrenze, gibt es dennoch kaum etwas dagegen einzuwenden, dass der frühe Nationalsozialismus den Nationalismus zumindest als Vehikel nahm, ihn für seinen weltanschaulichen Chauvinismus aber schließlich links liegen ließ. Die Welt, in der wir heute leben, ist durch zwei Epochenbrüche geprägt: 1945 und 1990. Nach 1945 war der Nationalsozialismus, der nun mit dem Nationalismus gleichgesetzt wurde, weltanschaulich als bankrott enttarnt und militärisch besiegt. Liberalismus und Kommunismus (wenn diese Begriffe auf die Realpolitik auch nur schlecht anwendbar sind) hatten sich durchgesetzt und prägten die ganze Welt für die nächsten Jahre. Konrad Adenauer nannte den Nationalismus schlicht den „Krebsschaden Europas“. Während der Nationalismus im Westen offen bekämpft wurde und teilweise durch einen weltbürgerlichen Amerikanismus ersetzt wurde, blieb das Selbstverständnis der Nationen in der Sowjetunion stärker erhalten, was sich bis heute zeigt. Sobald die Sowjetunion in sich zerfiel, meldete sich der Nationalismus aber in einer seiner schlimmsten Formen im Jugoslawienkrieg zurück. Der deutsche Bundespräsident Johannes Rau fasste nach seiner Wahl zusammen, wie die meisten Menschen inzwischen über den Nationalismus dachten: „[E]in Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt, ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“3 Diese Definition verfestigte sich, obwohl sich der Patriotismus weiterhin auf die Errungenschaften, Farben, Lieder und Personen des Nationalismus stützte (wie etwa Schwarz-Rot-Gold oder die Nationalhymne). Laut dem Duden wird „Nationalismus“ heute „meist abwertend“ verwendet und bedeutet, ganz in chauvinistischer Manier, ein „übersteigertes Nationalbewusstsein“.
Aber: „Selten“ bezeichnet der Begriff auch das „erwachende[] Selbstbewusstsein einer Nation mit dem Bestreben, einen eigenen Staat zu bilden“4. Hier liegt nun endlich die Crux an der Sache. Die Ansicht, dass Kollektive oder Völker sich selbst in einem eigenen Staat regieren dürfen. Das Streben nach diesem Staat und das Erhalten-wollen dieses Staates kann nicht anders bezeichnet werden als nationalistisch. Mit Chauvinismus, wie es die erste Definition des Dudens nahelegt, hat das erst mal gar nichts zu tun. Auch ist der Nationenbegriff in keiner Weise statisch oder biologisch determiniert. „Nation“ kommt zwar ursprünglich vom lateinischen „nasci“, was so viel heißt wie „geboren werden“. Aber längst hat die Nationalismusforschung sich darauf geeinigt, dass die gefühlte Verwandtschaft beim Nationalismus wichtiger ist als die tatsächliche.
Nach 1990 wurde schnell klar, dass nach dem „Ende der Geschichte“5 nur der totgesagte Nationalstaat es leisten können würde, demokratische und freiheitliche Institutionen zu gewährleisten. Bis heute sind nur die Nationalstaaten in der Lage, die Vielfalt kultureller und politischer Systeme in einer am Funktionalismus orientierten Welt zu sichern, in der alles zur Uniformität drängt (wie etwa die Wissenschaftssprache; auch die Beiträge auf Nietzsche POParts sollen, wie ich gelesen habe, nun mehr auf ein englischsprachiges Publikum abzielen oder zumindest übersetzt werden6). Damit kann auch nur der Nationalstaat oder das Fordern dessen durch nationalistische Bestrebungen unterdrückten Völkern garantieren, ihr Recht auf Selbstbestimmung durchzusetzen (man denke an Kurdistan oder die Ukraine). Nun ist zwar eine Nation nicht gleich ein Nationalstaat (wie im Englischen oft durcheinandergebracht), aber ich denke es lässt sich sagen, dass die Nation sich durch den Nationalismus in einem Nationalstaat verwirklichen kann. Allein damit ist der Nationalismus ungemein emanzipativ und antiimperialistisch. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der Nationalismus die größte Chance bietet, einer globalen Homogenisierung von Kultur, Sprache, und anderen Aspekten des gemeinsamen Miteinanders entgegenzuwirken. Meiner bescheidenen Meinung zufolge werden sich über kurz oder lang in der zukünftigen Welt nur Sprachen, Kulturen und Sitten halten können, die eine starke institutionelle Vertretung haben. Auch diese ist nur durch den Nationalstaat möglich, wobei selbst Regionalismen oder separatistische Bewegungen nationalistisch sind (man denke an Katalonien). Wie bei anderen politischen Systemen eher selten, kommt es beim Nationalismus vor allem darauf an, wie sich eine jeweilige Gruppe selbst sieht. Denn ganz abseits der intellektuellen Begründungen: Die meisten Menschen wollen die Nation, sie wollen Gleiche unter Gleichen sein und sie wollen ihr solidarisches Miteinander auch genau daran festmachen. Durch das Nicht-thematisieren und ignorieren, das haben die letzten Jahre gezeigt, lässt sich die Nation und ein nationales Empfinden jedenfalls nicht abschaffen. Spätestens wenn das Existenzrecht der Nationen, wie im Falle der Ukraine, Israels oder Palästinas gefährdet ist, kann auch der größte Nationalismuskritiker zum flaggenschwenkenden Nationalisten werden.
Nun habe ich sehr weit ausgeholt und dich mit einigen geschichtlichen Ausführungen und einer Definition des Dudens abgefrühstückt. Ich nenne dir noch die von mir am meisten geschätzte Definition von Nationalismus des Religionswissenschaftlers Steven Grosby. Dieser behandelt Nationalismus als „territoriale Verwandtschaft“. Doch Definitionen sind, frei nach Nietzsche, nichts als ein „bewegliches Heer von Metaphern“7 und bis heute ist es keinem Forscher, geschweige denn einem Politiker oder sonst jemandem gelungen, eine einheitliche und akzeptierte Definition von Nation und Nationalismus bereitzustellen. Dafür bezeichnen die Begriffe schlicht zu viele heterogene Phänomene. Aber die Welt ist nun einmal tief und Wahrheiten existieren aus einer nietzscheanischen Perspektive nur in der Übereinkunft. Diese ist – trotz der Werterelativität, die mit dem Nationalismus einhergeht – auch in einer Welt der Nationen und der Nationalstaaten möglich und erwünscht. Sie ermöglicht Zusammenarbeit und endet nur unter schlechten Bedingungen im Konflikt: Es fällt nicht schwer, sich anstelle der Staaten in Kants Schrift zum ewigen Frieden Nationalstaaten zu denken und auch das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre (Aufgaben sollen von so kleinen Institutionen wie möglich und so großen wie nötig gelöst werden) ist meiner Meinung nach ein Garant für ein friedliches Miteinander, mit dem auch supranationale, globale Probleme wie etwa der Klimawandel angegangen werden können.
Die Alternativen zu eine in Nationalstaaten geteilte Welt sind für mich nicht überzeugend. Wenn die Utopie wörtlich der „Nicht-Ort“ ist, dann ist der Nationalstaat die Nicht-Utopie und das räumlich gebundene. Der Nationalismus ist dementsprechend das Einstehen für das kulturell multipolare. Er ist partikulärer Geist: Er denkt die Welt, wie Heinrich Heine über Herder schrieb, als die von Gott gespielte Harfe, bei denen die Völker die Saiten sind.
Wenn so ein Nationalist denkt, bin ich einer! Damit die positiven Seiten des Nationalismus aber ausgelebt und die negativen verhindert werden können, muss der Nationalismus zweifelsohne besser verstanden werden. Auch deshalb beschäftige ich mich mit der Erforschung des Nationalismus, oder speziell seinem Verhältnis zur Nation und was von beiden zuerst da war.
Ob ein friedliches und zukunftsorientiertes Leben in einem Europa und einer Welt, aufgeteilt in Nationen, möglich ist, steht natürlich in den Sternen. Aber ist das mit anderen politischen Systemen nicht auch so?

II. Nietzsche, Heimat und Moderne
PS: Danke für deine ausführliche Antwort. Ja, der Nationalismus ist wirklich ein bemerkenswertes historisches Phänomen. Er kam im 18. Jahrhundert zusammen mit fortschrittlichen Ideen wie Volkssouveränität, Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit auf – heute versucht man, an diesen Ideen festzuhalten und sich zugleich vom Nationalismus zu lösen. Die Frage ist, ob das so ohne Weiteres möglich ist, ob es da nicht sogar einen engen Zusammenhang gibt – und sich der Nationalismus, auch wenn man ihn nicht mehr so nennt, deswegen so hartnäckig hält.
Für dich wichtige Denker wie Schopenhauer oder vor allem auch Nietzsche taten sich nun schwer mit all diesen „modernen Ideen“8. Du eröffnest dein Buch über das Deutschsein mit einem Schopenhauer-Zitat – aber dieses hätte vermutlich nicht so gut gepasst:
Die wohlfeilste Art des Stolzes […] ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, […] mit Händen und Füßen zu verteidigen.9
Goethe, den auch du zu den ganz großen Deutschen zählst, äußerte sich ähnlich abwertend über den Nationalismus – und auch Nietzsche war er ein Dorn im Auge, vor allem in seiner deutschen Variante. Das scheint mir auch etwas zu sein, was sich wirklich durch alle Schriften Nietzsches von der Geburt der Tragödie bis hin zu Ecce homo hindurchzieht: Seine Ablehnung des Nationalismus und vor allem der deutschen Nation im Namen seines Ideals des „guten Europäers“. In Ecce homo treibt er seinen Hass auf Deutschland so weit, sich als „polnischer Edelmann pur sang“10 zu definieren – deutscher Staatsbürger war er ohnehin niemals, sondern war seit 1869, als er in die Schweiz zog, staatenlos.
Er hält den Nationalismus in Zeiten der Globalisierung für eine künstliche Ideologie, die sich nur gewaltsam durchsetzen lasse.11 Wenn er selbst politisch wird, dann grenzt er sich von der Forderung nach „abgeschlossenen originalen Volks-Culturen“12 deutlich ab und verfolgt ganz klar ein ‚globalistisches‘ Ziel, klingt gelegentlich gar fast ein wenig marxistisch, wenn er etwa schreibt:
[D]ie Menschen können mit Bewusstsein beschliessen, sich zu einer neuen Cultur fortzuentwickeln, während sie sich früher unbewusst und zufällig entwickelten: sie können jetzt bessere Bedingungen für die Entstehung der Menschen, ihre Ernährung, Erziehung, Unterrichtung schaffen, die Erde als Ganzes ökonomisch verwalten, die Kräfte der Menschen überhaupt gegen einander abwägen und einsetzen. Diese neue bewusste Cultur tödtet die alte, welche, als Ganzes angeschaut, ein unbewusstes Thier- und Pflanzenleben geführt hat; sie tödtet auch das Misstrauen gegen den Fortschritt[.]13
Er kritisiert die Rückschrittlichkeit der deutschen Kultur und plädiert sogar für ein vereintes Europa:
Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn zwischen die Völker Europa’s gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit seiner Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinanderlösende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur Zwischenakts-Politik sein kann, – Dank Alledem und manchem heute ganz Unaussprechbaren werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehn oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht, dass Europa Eins werden will.14
Nietzsche träumt im Zarathustra von „Einem Ziel“, unter dem man die Menschheit vereinigen müsse15 und schätzt an den Deutschen gerade „ihre alte bewährte Eigenschaft, Dolmetscher und Vermittler der Völker zu sein“16 und dass sie eigentlich kein festes Wesen besäßen, sondern „das Täusche-Volk“17 seien.
Wenn du über die Nation schreibst, sie sei eine „Nicht-Utopie“, dann scheint mir das genau das entscheidende Problem am Nationalismus zu sein und der eigentliche Grund, warum Nietzsche ihn ablehnt. Es mag sein, dass es ‚realistische‘ Gründe gibt, die für ihn sprechen, aber sein Grundimpuls ist doch: Wieso nach etwas Höherem streben? Wir sind doch schon zu Hause. Und diese ‚Heimat’ muss man dann natürlich gegen alle möglichen Gefahren – die natürlich immer ‚von außen‘ kommen, nicht von innen – verteidigen, zur Not mit Gewalt. Viel nietzscheanischer scheint mir da ausgerechnet der Marxist Ernst Bloch zu sein, wenn er ganz am Ende von Prinzip Hoffnung schreibt:
Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.18
„Heimat“ ist hier nicht am Anfang, sondern eigentlich erst am Ende der Geschichte. Heimat ist nicht, sie wird. – Und diese radikale Haltung verbindet Bloch noch nicht einmal mit einem sonderlichen Antikonservativismus, sondern erkennt die hoffnungstragenden, nach vorne weisenden Gehalte der überlieferten Traditionen immer wieder an.
Philosophisch gesehen scheint mir das der einzige adäquate Begriff von Heimat zu sein. Er versetzt den Menschen auf eine unendliche Reise nach Nirgendwo: „Odysseus starb nicht in Ithaka“19. Aus dieser Sicht heraus blockiert der geläufige Nationalismus genau die Fortentwicklung der Menschheit, indem er Heimat nur simuliert und die Möglichkeit echter Heimat verheimlicht; ist eine Versuchung wie die Sirenen, die Kirke oder vielleicht, im besten Fall, Kalypso.
Was würdest du auf diese Kritik am Nationalismus antworten? Und wie vereinbarst du es für dich, Nietzscheaner und Nationalist zu sein?
MD: Du hast natürlich recht: Als eine politische Bewegung, die Massen mobilisieren kann, war auch der Nationalismus für Menschen, die ihr Dasein als Genie oft mit Einsamkeit erkauften, ein seltsames Phänomen. Ich halte es jedoch für ein problematisches Unterfangen, lang verstorbene Philosophen, die zu den jeweiligen Bedingungen ihrer Zeit gelebt haben, zu aktuellen politischen Themen zu Rate zu ziehen; vor allem, weil sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse durch das 20. Jahrhundert so stark verändert haben. Das Stichwort lautet hier Zeitgeist: Auch für das Schopenhauer-Zitat ist etwas Kontext wichtig. Schopenhauer stand politisch auf Seiten der preußischen Monarchie. Mit dem „erbärmlichen Tropf“ meinte er jene liberalen Demokraten, die 1848 und 1849 für ein vereintes, demokratisches Deutschland auf die Barrikaden gingen. In dem Zitat von dir heißt es etwa weiter:
Die Deutschen sind frei von Nationalstolz und legen hierdurch einen Beweis der ihnen nachgerühmten Ehrlichkeit ab; vom Gegenteil aber die unter ihnen, welche einen solchen vorgeben und lächerlicher Weise affektiren; wie dies zumeist die „deutschen Brüder“ und Demokraten tun, die dem Volke schmeicheln, um es zu verführen.20
Hinsichtlich den recht berühmten Ausführungen Schopenhauers muss also zusätzlich erwähnt werden, dass Schopenhauer viel von den Deutschen hielt, gleichzeitig aber mit seiner Kritik gegen den Nationalismus gegen die Demokratie und die Republik argumentierte. Er spendete sogar Geld für Soldaten, die bei Kämpfen mit den Demokraten ums Leben kamen, von seiner Misogynie ganz zu schweigen. Nun finde ich nicht, dass dies Schopenhauer disqualifiziert, um über den Nationalismus zu sprechen und es bedeutet ebenfalls nicht, dass Schopenhauer nicht auch mit manchem recht hatte: Stumpfe und oberflächliche Formen des Nationalstolzes schrecken auch mich ab. Allerdings verdeutlicht es die Wichtigkeit von historischem Kontext; die wenigsten, die Schopenhauer aufgrund seines Antinationalismus zitieren, wissen um die historischen Verhältnisse dieser Zeit und wollen sich auf die Seite der Reaktion und des zur Veröffentlichung der Schrift (1851) wieder etablierten deutschen Bundes schlagen.
Auch Goethe und Nietzsche hatten Einstellungen, die dem modernen Menschen als kritikwürdig erscheinen. Beispielsweise waren sie der Demokratie gegenüber sehr ablehnend eingestellt. Ihre klassische Bildung ließ sie von einem Europa wie ein antikes Griechenland träumen und als die Genies, die sie waren, knüpften sie in ihrem Denken auch teilweise deutlich an ihre großen Vorbilder einer vielleicht übernationalen abendländischen Kultur an. Anders als etwa Heinrich von Kleist sahen sie als die Urväter der deutschen Kultur nicht die Germanen, sondern, wenn überhaupt, diese als späten Nachkommen Griechenlands und Roms. Goethe und Nietzsche kann man deshalb ohne Zweifel gute Europäer nennen.
Besonders der vereinsamte Freigeist Nietzsche, der politisch am liebsten im vorsokratischen Griechenland gelebt hätte, war aber, da hast du recht, gänzlich deutschlandfeindlich. Spätestens nach seinem Bruch mit Richard Wagner wollte Nietzsche die Deutschen als Verantwortliche für etliche Phänomene der Dekadenz enttarnen und drehte ihnen energischer den Rücken zu. Besonders Luther gegenüber, aber auch den preußischen und schwäbischen Philosophen, die Nietzsche als Folgephänomene der Reformation wahrnahm, war er feindlich gesinnt. Doch nicht nur Deutschland und seine Denker lehnte Nietzsche ab, sondern, wie du richtig geschrieben hast, auch den Nationalismus. Noch zu Nietzsches Zeiten ging dieser mit der Forderung der Gleichheit der Bürger einher. Solche Forderungen, vor allem wenn sie von der Masse kamen, waren für Nietzsche gelebter Nihilismus.
Heutzutage leben wir in einer anderen Welt: Zwei Weltkriege haben den Nationalismus, wie beinahe jede andere politische und ideengeschichtliche Denkweise, vollkommen verändert. In einer globalisierten und immer mehr digitalisierten Welt samt künstlicher Intelligenz und weltweiter Verbundenheit wird Europa nicht zu einem antiken Griechenland im Sinne Nietzsches (das selbstbewussten Nationen ohne Nationalstaat gar nicht ablehnend gegenübersteht), sondern eher zu einem östlichen Amerika. Ging der Nationalismus früher mit der Forderung nach mehr Gleichheit einher, ist er heute die Forderung nach mehr Vielfalt. Auch auf kleinerer Ebene: Das Fordern des Erhalts deutscher Dialekte durch Maßnahmen der Länder würde wahrscheinlich als nationalistische Forderung gedeutet werden. Wie dieses Beispiel verdeutlicht, gilt der Nationalismus heutzutage als eher reaktionär und konservativ, während er früher eher als revolutionär und liberal wahrgenommen wurde. Was Schopenhauer und Nietzsche heute vom Nationalismus halten würden? Eine schwierige Frage!
Bis heute hat der Nationalismus zudem viele Gesichter. Neben denjenigen, die am liebsten einfach nur – bildlich gesprochen – das Leben der Hobbits im Auenland führen wollen, gibt es auch andere, die mit einem Auge auf eine deutsche Kolonie auf dem Mars schielen. Auch wenn letzteres utopisch klingt, wäre etwas deutsches Selbstbewusstsein auch hinsichtlich seiner Führungsrolle in Europa bestimmt nichts Verkehrtes.
Deine Ausführungen zur Heimat fand ich sehr spannend, auch wenn ich eher widersprechen würde: Heimat ist meinen Augen das Vertraute. Gleichzeitig kann sie meiner Meinung nach niemals deckungsgleich mit der Nation sein, da letztere zu groß ist, um vollständig gekannt werden zu können. Besonders seit der Moderne wandelt sich die Welt in einem enormen Tempo. Das bedeutet sowohl den Verlust nationaler Eigenheiten wie auch oft den Verlust von Heimat. Die Moderne kann nicht rückgängig gemacht werden; aber sie kann in Bahnen gelenkt werden, die sowohl die Existenz der Heimat als auch die der Nation zu Gunsten einer lebendigen Vielfalt der Welt respektiert.
Nietzscheaner und Nationalist kann man also meiner Meinung nach sein, wenn man nicht an starren Konzepten festhält und sich in einer Welt des Werdens an die jeweils neuen Bedingungen formal anpasst. Wie der Nationalismus heutzutage ist auch Nietzsches Denken partikulär. Für beide ist ein moderner Weltstaat, der allgemeingültige Wahrheiten formulieren und umsetzen könnte, die wahrscheinlich größtmögliche Dystopie. Obwohl ein solcher zwar unrealistisch ist, wirken verschiedene Prozesse auch ohne einen dementsprechenden politischen Willen auf die Vereinheitlichung aller Kultur hin. Nur der partikuläre Geist kann sich dieser großen Einfalt oder, in Nietzsches Worten, dem Nihilismus, erwehren.

III. Weltstaat, Patriotismus und Konservative Revolution
PS: Wobei das, was Nietzsche da in Menschliches, Allzumenschliches beschreibt, ja bemerkenswert in Richtung Weltstaat geht … Aber ich gebe dir Recht, dass sich Nietzsche meist anders äußert, man denke nur an die berühmte Staatskritik im Zarathustra, wo er einerseits den Staat als „das kälteste aller kalten Ungeheuer“21 bezeichnet, zugleich jedoch zwischen Staat und „Völkern“ unterscheidet und die natürliche Gewordenheit der „Völker“ mit ihren partikularen Werten der abstrakten Universalität des Staats gegenüberstellt. Sein positiver Gegenentwurf ist aber auch hier nicht die Rückkehr zum Partikularismus der Völker, sondern eine Vision individueller Befreiung und der „Übermensch“ als vielleicht neuer Universalie, die an die Stelle des Staates treten könnte.
Widerspruch würde ich einlegen, was den „Genie“-Begriff angeht. Den übernimmt der frühe Nietzsche recht unkritisch von Schopenhauer und schon bei ihm hat er eine klar antidemokratische Bedeutung im Sinne des „großen Mannes“, der von der ‚dummen Masse‘ nicht verstanden und unterdrückt wird. Interessanterweise gibt es dann ab Menschliches, Allzumenschliches immer wieder Aphorismen, in denen Nietzsche diesen Begriff und die damit verbundenen Mystifikationen sehr deutlich kritisiert22 – sich aber zugleich doch nie ganz von ihm lösen kann.
Die Frage ist auch hier, was man mit all diesen Begriffen des 19. Jahrhunderts heute noch anfangen kann. Die Geschichte hat sie befleckt, gleichzeitig üben sie doch noch weiterhin eine große Faszination aus, sind aus unserem kulturellen Selbstverständnis kaum wegzudenken. Wer würde die Kunst ernsthaft ohne jedweden Rekurs auf den Geniebegriff verstehen wollen, als reines Handwerk wie jedes andere auch?
Bei den Begriffen „Heimat“ und „Nation“ stellt sich aus meiner Sicht ein ähnliches Problem. Auch ich meine, dass sie einmal sehr fortschrittlich waren mit einer klaren Spitze gegen die kosmopolitanen Aristokratien des 18. Jahrhunderts. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein war es auch nicht unbedingt ein Widerspruch, links und Patriot zu sein – was freilich auch zu der verhängnisvollen Entscheidung der großen Arbeiterparteien führte, den Ersten Weltkrieg nicht zu verhindern. Hier wurde von Seiten der damaligen Eliten – also dem „Schlamm auf dem Thron“23 – der Nationalismus als ‚Kokain des Volkes‘, wenn man so will,24 verwendet, um die Menschen in ungeahnten Maßen zu verheizen auf den Schlachtfeldern von Verdun etc. Ist der Nationalismus nicht schon allein aufgrund dieser Erfahrung zu Recht in Verruf geraten und müsste man hier nicht gerade als Nietzscheaner sagen: „Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser Menschenopfer!“25 Und in der Tat gab es einige glühende nietzscheanische Pazifisten in jener Zeit wie den „roten Graf“ Harry Kessler, Emma Goldman, die in den USA gegen den Kriegseintritt agitierte, oder Hermann Hesse, um nur eine wenige Namen zu nennen.26
Ich meine, in dieser Zeit spaltete sich die nietzscheanische Bewegung endgültig in einen kosmopolitischen, pazifistischen, linken Flügel und in einen rechten, der von der Schwester angeführt wurde – die für den Krieg unter Heranziehung haarsträubender Lügen über die Gesinnung ihres Bruders trommelte27 –, mit Vertretern wie dem jungen Thomas Mann, Ernst Jünger oder Oswald Spengler. Man spricht hierbei oft auch von der „Konservativen Revolution“.
In deinem Buch scheinst du dich auf dieses Konzept positiv zu beziehen und betonst, dass auch die Attentäter vom 20. Juli oder sogar die Weiße Rose dieser intellektuellen Strömung nahestanden und Nationalisten gewesen seien. Auf deinem YouTube-Kanal hast du auch schon mehrere Schriften Spenglers eingelesen – was ich jetzt nicht unbedingt als Zustimmung verstehe, aber doch als eine gewisse Sympathiebekundung.
Aber ist die eigentliche „Konservative Revolution“ nicht doch, wie der Name schon sagt, eine sehr avantgardistische Bewegung, die sich vom Nationalismus des 19. Jahrhunderts gerade abkehrt und sich um die radikalere Vision der Neuerrichtung hierarchischer Ordnung im 20. Jahrhundert bemüht – wobei der italienische Faschismus oft als Vorbild diente und die Beziehungen zum Nationalsozialismus durchaus zweideutig waren; Spengler zum Beispiel spricht ja schon 1920 in seinem Aufsatz Preußentum und Sozialismus, den du auch eingelesen hast, von einem ‚cäsarischen Sozialismus‘, auch wenn er sich später vom NS distanzierte.28 Oder man denke an Ernst Jüngers Der Arbeiter von 1932, wo er für die ‚Rumpelkammer‘ des 19. Jahrhunderts nur Verachtung hegt, und den NS direkt vorwegzunehmen scheint – seine deutliche und ehrenwerte Distanznahme vom Nazigräuel scheint mir nicht zuletzt auch eine Distanzierung vom Vorkriegs-Jünger zu sein.
Worauf ich hinauswill: Wenn es für mich nach der infernalischen Periode von 1914 bis 1945 – und man muss hier betonen, dass zuvor der europäische Imperialismus einen ähnlichen Horror auf anderen Kontinenten verbreitete – noch eine sinnvolle Bezugnahme auf den Nationalismus als Idee des 19. Jahrhunderts geben kann, dann müsste man sich sehr stark gerade auf dieses liberale und demokratische Erbe des Nationalismus beziehen, etwa die Revolution von 1848. Die Hymne eines solchen ‚Nationalismus‘, wenn man so sprechen möchte, hat vielleicht Bertolt Brecht, den du ja immerhin zu den „großen Deutschen“ zählst in deinem Buch, 1950 mit der Kinderhymne verfasst, aus meiner Sicht sollte man die eigentlich zur Nationalhymne erklären. – Aber ein solcher ‚Nationalismus‘ schiene mir sehr den antidemokratischen und antiliberalen Gedanken der Konservativen Revolution zu widersprechen.
Man könnte ausgehend von einem solchen Patriotismus, wie ich es lieber nennen würde, die Bewahrung kultureller Vielfalt verbinden mit der gemeinsamen Arbeit im Sinne universeller „übermenschlicher“ Ideale. Bloch spricht in diesem Sinne auch von einem „Multiversum“ der kulturellen Erbschaften, die alle auf ähnliche Hoffnungsgehalte verweisen.
Ich bin mir freilich nicht sicher, ob an einen solchen Patriotismus in Deutschland heute noch zu denken ist. Schwarz-Rot-Gold wird von den wenigsten mit der Fahne der demokratischen Revolution von 1848 assoziiert – einer der wenigen wahrhaft heroischen Momente in der Geschichte des deutschen Volkes, möchte ich behaupten (und es sagt nicht viel Gutes über die deutsche Kultur aus, dass sich ausgerechnet der wohl größte deutsche Philosoph jener Zeit hier so ‚genial‘ positionierte) –, sondern mit den Weltkriegen und der Nazibarbarei, obwohl dies alles unter anderer Beflaggung stattfand; allenfalls noch mit einem seichten ‚Hurra-Partiotismus‘ oder einer wenig hoffnungsverheißenden deutschen Kopie des Trumpismus. Vielleicht ist der deutsche Patriotismus – trotz allem Sympathischen, das man der deutschen Tradition abgewinnen mag wie der Wirtshauskultur, dem deutschen Essen, der reichhaltigen Schatzkammer der Volkslieder, Märchen und Sagen (du schreibt darüber ja sehr ausführlich) – in den Schützengräben und dann später den Konzentrationslagern auch unrettbar verlorengegangen und unsere Hoffnungen müssen eher, wie es schon bei Nietzsche anklingt, im Europäischen liegen – und im Lokalen? Wobei man dann Europa eher als ‚Weltschweiz‘ oder ‚Weltschweden‘ konzipieren müsste, als geläuterten Kontinent ohne jede imperiale Ambition, als Hort von Demokratie, Liberalismus und sozialer Marktwirtschaft, unter dessen Fittich sich die unterschiedlichen Nationalkulturen in ihrer Vielfalt ausleben könnten auf nichtrepressive Weise. Mit letzterem meine ich: ‚Vielfalt‘ müsste auch die Anerkennung nichttraditioneller Lebensweisen und der Lebensweisen von Migranten aus nichteuropäischen Kulturen implizieren, sonst klingt es fast so, als würde man im Namen der ‚Vielfalt‘ etwa Homosexuelle zur Schließung heterosexueller Ehen und Muslime zum Weißwurstessen und Biertrinken zwingen wollen; da hätte Orwell seine helle Freude.
MD: Meines Erachtens lässt sich ein moderner Weltstaat mit Nietzsche keinesfalls rechtfertigen. Weltbürger, oder Kosmopolit, ist nach Abschnitt 16 des Antichrist sowieso nur der Gott eines untergehenden Volkes. Am Ende des von dir zitierten Aphorismus 475 aus Menschliches, Allzumenschliches schreibt Nietzsche, dass das Judentum im Gegensatz zum Christentum den Okzident nicht orientialisieren wollte, sondern verhalf, „Europa’s Aufgabe und Geschichte einer Fortsetzung der griechischen zu machen.“29 Das unterstreicht mein Argument, nach dem Nietzsche ein europäisches antikes Griechenland wollte. Jedoch ist das mit den Nietzschezitaten wie du weißt immer so eine Sache, denn „[i]m Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden“30. So schreibt Nietzsche im selben Aphorismus aus Menschliches, Allzumenschliches vom Fortschritt im Sinne des Sieges der bewussten über die unbewusste Kultur, während er in der Götzen-Dämmerung Fortschritt in seinem Sinne wie folgt definiert:
Auch ich rede von „Rückkehr zur Natur“, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehn, sondern ein Hinaufkommen ist – hinauf in die hohe, freie, selbst furchtbare Natur und Natürlichkeit, eine solche, die mit grossen Aufgaben spielt, spielen darf …31
Im selben Paragraphen betont Nietzsche – wie so oft – seine Verachtung gegenüber dem Gleichheitsgedanken.
Ich halte es für notwendig, hier etwas klarzustellen. Ich begreife mich aufgrund fünf Übereinstimmungen in der Weltsicht als Nietzscheaner. Ich betrachte:
- den Willen zur Macht als eine generelle Antriebskraft der Welt,
- das Streben nach Exzellenz bei gleichzeitiger Kritik des Gleichheitsgedankens als wichtig,
- vermeintliche allgemeingültige Wahrheiten kritisch und betone die Wichtigkeit der Kunst,
- einen gewissen Pessimismus, was Zukunftsvisionen angeht, als angebracht, besonders im Hinblick auf den letzten Menschen,
- die Moral als in seiner Entwicklung materialistisches Konzept, das oft mit Schwäche zusammenhängt.
Dies bedeutet nicht, dass ich alle Äußerungen von Nietzsche gutheiße.32 Dennoch nehme ich sie zur Kenntnis: Meines Erachtens lässt sich deshalb aus Nietzsche, trotz einiger pazifistischen Anmerkungen, kein Pazifist machen. Zarathustra liebt seine „Brüder im Kriege“.33 Ich glaube aber auch, und das wird wohl Teil unseres Gesprächs werden, aus Nietzsche lässt sich kein linker Kosmopolit machen („Kein Hirt und Eine Heerde!“34). Allein die fünf von mir genannten Aspekte aus Nietzsches Denken widersprechen diesem Wunsch zu stark.
Auch mir ist die Kriegsbegeisterung heutzutage, so wie vor und nach dem ersten Weltkrieg fremd. Gleichzeitig verurteile ich sie nicht moralisch, sondern betrachte sie eher historisch. Das Leben und Wirken Ernst Jüngers empfinde ich dementsprechend als nietzscheanisch durch und durch. Auch Spengler ist ein begeisterter Nietzscheaner, der sich viel auf ihn bezieht – und aus dem Nietzsche-Archiv austrat, als es ihm dort zu nationalsozialistisch wurde. Ihn habe ich in jüngeren Jahren viel studiert, weil ich den Fortschrittsoptimismus vieler Kommilitonen, auch im Hinblick auf den historischen Materialismus, nicht teilen konnte. Die Hörbücher habe ich vor allem vertont, weil ich ihn in der deutschen Geistesgeschichte als sträflich unterrepräsentiert empfinde. Schon seit längerem habe ich mich aber zugunsten eines nietzscheanischen Vitalismus inhaltlich von seiner Geschichtsphilosophie entfernt.
Ich glaube du stimmst mir zu, wenn ich darauf poche, dass sich ein nietzscheanisches Weltbild nicht mit nationalsozialistischer Ideologie decken kann. Das beweisen nicht nur Spengler oder der späte Jünger, sondern auch der Hitler-Attentäter Stauffenberg, der seine Kameraden schwören lässt:
Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge.35
Diese Passage ist in meinen Augen sowohl nietzscheanisch als auch nationalistisch.
Um also auf den Kern der Sache zu kommen: Es gibt eine Kontinuität nicht-nationalsozialistischer, deutsch-nationalistischer Denkweisen von den Befreiungskriegen bis heute, wobei die Geschichte stark auf sie gewirkt hat und uns heute anders denken lässt als vor 50, 100 oder 150 Jahren. Das starke Moralisieren betrifft meistens nur das nationale Denken, nicht etwa in gleichem Umfang das antidemokratische oder antiliberale, das neben Anhängern der Konservativen Revolution ebenso von Schopenhauer und Nietzsche vertreten wird. Nun, ich nehme das zur Kenntnis, beharre aber darauf, dass der Nationalsozialismus nicht auf ein Mix aus diesen oder auf eines allein reduziert werden darf, mit der Intention, alles daran Anknüpfende zu sich in den Abgrund zu reißen. In meinem Buch weise ich deshalb detailliert auf die ideologische Grundlage des Nationalsozialismus im Antisemitismus und im Rassenchauvinismus hin. Anstatt sich auf die emanzipativen und nicht-chauvinistischen Nationalismen zu stützen (auf die sich der deutsche Staat mit seinen Hoheitszeichen bezieht), wird seit 1945 bis heute jeglicher Nationalismus verurteilt und mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt. Als Linker kennst du es bestimmt nur zu gut, wenn linkes Denken mit den Gräueln der Sowjetunion oder der DDR assoziiert wird. Beides empfinde ich vordergründig betrachtet als unredlich. Ebenfalls glaube ich nicht, dass der deutsche Patriotismus (dem Sozialismus könnte ähnliches vorgeworfen werden) durch die Gräuel des 20. Jahrhunderts „unrettbar verlorengegangen“ ist. Ich glaube vielmehr, antinationale Denkweisen würden dies gerne voraussetzen, werden aber allein durch die Wahlprognosen der letzten Zeit widerlegt, in denen nicht-patriotische Parteien und Personen eher abgestraft werden.
Ich bin fest davon überzeugt, dass das nationale Empfinden (beispielsweise als territoriale Verwandtschaft) ein Natürliches ist und ein solidarisches Miteinander überhaupt erst ermöglicht. Gleichzeitig ist die Aufteilung Europas in Nationalstaaten der Status quo und jegliche Forderungen nach einer Neuordnung bedürfen guter Argumente. Nietzscheaner wissen derweil, dass moralische Argumente dafür oft aus einem Antrieb der eigenen Schwäche, wie beispielsweise dem Nicht-Nation-sein-wollen entspringen. Dennoch werden wir eine Nation bleiben. Quasi im Gegensatz zu jedem anderen Volk stößt dies vielen Deutschen sauer auf, was sich bei einem Teil der Nation ironischerweise längst zu einer typisch deutschen Eigenheit entwickelt zu haben scheint.
Das Lokale und das Europäische widersprechen dem Nationalen in meinen Augen nicht per se. Aber egal, ob ein Europa der Vaterländer oder eine „Weltschweiz“: Das konservative Element dieser Systeme muss auf den Erhalt von Kultur abzielen, was angesichts der demographischen Lage Westeuropas, dem Sterbenlassen traditioneller Kulturgüter und vor allem auch antinationalistischer Strömungen aus dem Umkreis der sogenannten Paypalmafia, die oft auch antidemokratisch sind oder gar als neofaschistisch bezeichnet werden können, keine Selbstverständlichkeit ist.
PS: Bei einigem würde ich auch hier wieder sofort Widerspruch einlegen, doch ich denke, zumindest in der Ablehnung der „Paypalmafia“ treffen wir uns, das stimmt mich zuversichtlich. Weiteres werden wir dann bestimmt im mündlichen Nachtrag zu diesem schriftlichen Austausch erörtern können, auf den ich mich schon sehr freue. Danke einstweilen für deine Bereitschaft zu diesem Gespräch, Michael.
MD: Auch ich danke dir vielmals, lieber Paul! Auf unser gemeinsames Gespräch freue mich ebenfalls, in der Hoffnung, weitere Parallelen und Schnittpunkte auszumachen sowie Unterschiede besprechen zu können.
Michael Drescher (geb. 1995 in Süddeutschland) alias PhrasenDrescher ist YouTuber, Autor und promoviert derzeit zur Frage des Alters von Nationen. Er lebt in Wien und beschäftigt sich während und nach seinem Philosophiestudium vor allem mit Friedrich Nietzsche. Auf seinem YouTube-Kanal „PhrasenDrescher“ hat er zahlreiche Werke des Philosophs eingelesen und einzelne seiner Konzepte erklärt, führt aber auch Interviews, bespricht Filme, Bücher oder veröffentlicht sonstige philosophische Inhalte.
Das Artikelbild zeigt die einzige Briefmarke, die Nietzsche in einem deutschen Staat bisher gewidmet wurde. Sie erschien 2000 anlässlich seines hundertsten Todestags (Quelle). Sie basiert auf einer Zeichnung von Edvard Munch.
Literatur
Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt a. M. 1976.
Colli, Giorgio: Nach Nietzsche. Frankfurt a. M. 1980.
Förster-Nietzsche: Elisabeth: Nietzsche und der Krieg. In: Hamburgischer Correspondent v. 15. 9. 1914 (Nr. 468, Jg. 184), S. 2.
PhrasenDrescher: Deutschsein für Fortgeschrittene. Krefeld 2024.
Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena. Kleine philosophische Schriften I. Sämtliche Werke Bd. IV. Leipzig 1979.
Stephan, Paul: Links–Nietzscheanismus. Eine Einführung. 2 Bd.e. Stuttgart 2020.
Zeller, Eberhard: Geist der Freiheit. Der 20. Juli. Berlin 2004.
Fußnoten
1: Der Fall Wagner, Turiner Brief, Abs. 11.
2: Zur Genealogie der Moral, Abs. III, 2.
3: https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/1999/05/19990523_Rede.html (letzter Abruf: 23.04.2026).
4: duden.de/rechtschreibung/Nationalismus (letzter Abruf: 23.04.2026).
5: Anm. d. Red.: So rief es insbesondere der US-amerikanische Philosoph Francis Fukuyama aus. Vgl. dazu etwa diesen Artikel von Michael Meyer-Albert auf unserem Blog.
6: An dieser Stelle eine kleine Anekdote: Ich habe vor nicht allzu langer Zeit eine junge Frau kennen gelernt, die als deutsche Muttersprachlerin aufgrund ihres Jobs sehr viel Englisch spricht und liest. Als das Gespräch auf Nietzsche wechselte, sagte sie mir, und ich kann es bis heute kaum fassen, dass sie den Zarathustra auf Englisch gelesen habe.
7: Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, Abs. 1.
8: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 358.
9: Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena, Aphorismen zur Lebensweisheit, Kap. 4; S. 430 f.
10: Ecce homo, Warum ich so weise bin, 3. Zu Nietzsches „Polentum“ vgl. ausführlicher meinen Artikel „Noch ist Polen nicht verloren“ auf diesem Blog.
11: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 475 und auch ähnlich der 23. Aphorismus des Buches.
12: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 24.
13: Ebd.
14: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 256.
15: Vgl. Von tausend und Einem Ziele.
16: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 475.
17: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 244.
18: Das Prinzip Hoffnung, S. 1628.
19: Ebd., S. 1201.
20: Schopenhauer, Parerga und Paralipomena I, S. 430.
21: Also sprach Zarathustra, Vom neuen Götzen.
22: Im 126. Aphorismus des ersten Bandes von MA heißt es etwa: „Zu den grössten Wirkungen der Menschen, welche man Genie’s und Heilige nennt, gehört es, dass sie sich Interpreten erzwingen, welche sie zum Heile der Menschheit missverstehen.“ – Vielleicht ließe sich diese Beobachtung auch auf Nietzsche selbst anwenden.
23: Also sprach Zarathustra, Vom neuen Götzen.
24: Vgl. hierzu Nietzsches sehr treffliche Bemerkungen in Zur Genealogie der Moral, 3. Abh., Abs. 26.
25: Also sprach Zarathustra, Vom neuen Götzen.
26: Wie du weißt, gehe ich all dem sehr ausführlich in meinem Buch über den Links–Nietzscheanismus nach.
27: Man kann das nachlesen in ihrem direkt 1914 publizierten Artikel Nietzsche und der Krieg.
28: Zu einer Kritik an Spenglers Nietzscheanismus vgl. auch Christian Saehrendts entsprechenden Artikel auf unserem Blog.
29: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 475.
30: Giorgio Colli, Nach Nietzsche, S. 209.
31: Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 48.
32: „[E]rst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren“ (Also sprach Zarathustra, Von der schenkenden Tugend, 3). Nietzsche wollte damit ausdrücken, dass seine Leser nicht einer vermeintlich „wahren“ Lehre anhängen sollen, sondern sie und sich stets neu erfinden sollen.
33: Vgl. Also sprach Zarathustra, Vom Krieg und Kriegsvolke.
34: Also sprach Zarathustra, Vorrede, 5.
35: Zit. n. Eberhard Zeller, Geist der Freiheit, S. 324.
Nietzsche und der Nationalismus?
Ein Streitgespräch zwischen Michael Drescher und Paul Stephan
Nietzsche war Zeit seines Lebens ein großer Kritiker des Nationalismus. Besonders das aufkeimende deutsche Nationalgefühl war ihm ein Dorn im Auge und er schrieb seinem Herkunftsland beißende Sätze wie „Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine…“1 ins Stammbuch. Gleichzeitig zählen Nationalisten und Patrioten aller Couleur zu seinen Fans. Wie kann man Nietzscheaner und (deutscher) Nationalist sein? Was ist überhaupt „Nationalismus“ und ist es möglich, diesem Begriff einen positiven Sinn zu geben?
Paul Stephan diskutierte über diese heiklen Themen, die angesichts der Erfolge nationalistischer Parteien weltweit immer mehr an Brisanz gewinnen, in schriftlicher Form mit dem YouTuber, Nietzsche-Kenner und Nationalismusforscher Michael Drescher alias PhrasenDrescher.
Ergänzend setzten beide diesen Dialog in mündlicher Form auf YouTube fort – schauen Sie sich das Ergebnis gerne hier an (oder als reine Audioversion auf SoundCloud).
„Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen“
Von Nietzsches Erkenntniskritik zum radikalen Konstruktivismus
„Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen“
Von Nietzsches Erkenntniskritik zum radikalen Konstruktivismus


Nietzsche hinterfragt die Wahrheit als adäquate Erkenntnis der Welt. Damit gibt es keine wahre Welt mehr, wie sie die modernen Wissenschaften unterstellen. Der radikale Konstruktivismus, der in der Biologie entsteht, für den Lebewesen ihre Umwelt nur so wahrnehmen, wie es ihre inneren Strukturen erlauben, bestätigt Nietzsches Analysen und damit auch die postmoderne Philosophie, in der Wahrheit auch nur als Konstruktion und nicht als objektive Erfassung eines Gegenstandes betrachtet wird. Daraus folgt nicht nur, dass man die Welt verschieden interpretieren kann, sondern auch dass es keine bestimmte allein richtige Wahrheit und damit Lebensform gibt.
Wenn Sie diesen Artikel lieber ansehen oder anhören möchten, eingelesen vom Autoren selbst, finden Sie ihn auch zusätzlich auf YouTube und Soundcloud.
Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen“1, schreibt Nietzsche 1873 und legt damit den Grundstein einer Debatte, die erst 100 Jahre später eskalieren wird, als es in der postmodernen Philosophie darum geht, dass es keine wissenschaftliche Wahrheit gibt, die ihre Gegenstände adäquat abbildet, dass vielmehr Wissenschaften ihre Erkenntnisse konstruieren.
Aber erfassen die modernen Naturwissenschaften die Natur nicht endlich richtig? Doch das bestreitet zuvor schon seit den 1960er Jahren der radikale Konstruktivismus. Für einen seiner Hauptvertreter, den chilenischen Biologen Francisco J. Varela, „ist die Realität nicht einfach vorgegeben: Sie ist vom Wahrnehmenden abhängig, und zwar […] weil das, was als relevante Welt zählt, unlöslich mit der Struktur des Wahrnehmenden verbunden ist.“2
Just dazu hat Nietzsche den Weg geebnet, wenn er gegen den im 19. Jahrhundert dominanten Positivismus einwendet, „welcher bei dem Phänomen stehen bleibt ‚es gibt nur Thatsachen’“: „[N]ein, gerade Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Factum ‚an sich’ feststellen“3.

1. Der Wille zur Macht als Interpretation
Hintergrund dazu ist Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht. Auf den ersten Blick erscheint sie bloß als eine Art Triebfeder biologischer Wesen, wenn es im Zarathustra heißt: „Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich’s dich – Wille zur Macht!“4 Das bestätigt noch Henning Ottmann, wenn er über Nietzsches Schriften der achtziger Jahre bemerkt: „‚Wille zur Macht‘ war alles, was ‚wirkte‘ und in Bewegung war, unterwegs zu einem Mehr an Kraft“5.
Doch in Nietzsches Nachlass heißt es: „Der Wille zur Macht interpretirt: bei der Bildung eines Organs handelt es sich um eine Interpretation; er grenzt ab, bestimmt Grade, Machtverschiedenheiten. […] In Wahrheit ist Interpretation ein Mittel selbst, um Herr über etwas zu werden.“6 So heißt Wille zur Macht, sich der Welt zu bemächtigen, indem man sie entsprechend interpretiert. Denn, so Nietzsche, die Philosophie „schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistige Wille zur Macht, zur ‚Schaffung der Welt‘, zur causa prima.“7
Marx will sich mit der Interpretation nicht zufrieden geben, lautet die berühmte elfte These über Feuerbach: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“8 Dagegen wendet Martin Heidegger ein, der in der Postmoderne-Debatte eine wichtige Rolle spielt: „Bei der Befolgung dieses Satzes übersieht man, dass eine Weltveränderung eine Änderung der Weltvorstellung voraussetzt und dass eine Weltvorstellung nur dadurch zu gewinnen ist, dass man die Welt zureichend interpretiert“9, was für Heidegger Marx nur unzulänglich leistet.
Doch Marx begründet seine These zunächst geschichtsphilosophisch, war Geschichte damals eine Leitwissenschaft. Und danach wird er sich lange mit ökonomischen Analysen beschäftigen. Mit beidem wird er die Welt so interpretieren, dass sie sich verändern lässt.
Und wenn man dem entgegenhält: „Alles nur Interpretation!“, dann könnte sich Marx auf Nietzsche berufen, der dergleichen zugesteht: „Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist – und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? – nun, um so besser.“10 Tatsachen sind immer schon Ergebnis einer Interpretation. Das unterstützt auch der postmoderne Philosoph Gianni Vattimo: Die Lehre vom Verstehen und damit vom Weltverständnis, die „Hermeneutik ist selbst ‚nur Interpretation‘. Sie stützt ihre Geltungsansprüche nicht auf einen angeblichen Zugang zu den Dingen selbst.“11
Der radikale Konstruktivismus sieht das ähnlich. So konstatiert der chilenische Neurobiologe Humberto Maturana: „Man sieht nur, was man glaubt.“12 Ein biologisches Wesen erkennt die Welt immer nur gemäß seinen Wahrnehmungen, die es interpretieren muss. Sinnesdaten müssen verstanden werden.
So ebnet Nietzsche in der Morgenröthe dem radikalen Konstruktivismus den Weg: „Die Gewohnheiten unserer Sinne haben uns in Lug und Trug der Empfindung eingesponnen: diese wieder sind die Grundlagen aller unserer Urtheile und ‚Erkenntnisse‘, – es giebt durchaus kein Entrinnen, keine Schlupf- und Schleichwege in die wirkliche Welt!“13
Das entspricht dem, was der radikale Konstruktivist Ernst von Glasersfeld schreibt: „Unsere Sinnesorgane ‚melden‘ uns stets nur mehr oder weniger hartes Anstoßen an ein Hindernis, vermitteln uns aber niemals Merkmale oder Eigenschaften dessen, woran sie stoßen.“14 Wenn plötzlich ein Schmerz auftaucht, muss man sich erst darüber klarwerden, woher er stammt, wo er sich ausbreitet. Damit beginnen die ‚Irrtümer‘, die Verzerrungen, die Differenzen, vor allem unterschiedliche Interpretationen. Aber erst die interpretierte Wahrnehmung sagt etwas über Welt und den Schmerz. Die Wahrnehmung alleine sagt fast nichts.
Daher kann man sich nicht auf eine originäre Wahrnehmung verlassen, die eben keinen Gegenstand an sich liefert. Wie bemerkt doch von Glasersfeld: „[N]iemand wird je imstande sein, die Wahrnehmung eines Gegenstandes mit dem postulierten Gegenstand selbst, der die Wahrnehmung verursacht haben soll, zu vergleichen.“15 Der Gegenstand an sich ist weder ein Gegenstand der Wahrnehmung noch der Erfahrung.

2. Mathematik und Kausalität als Idealisierungen
Aber haben die modernen Naturwissenschaften diese Probleme nicht gelöst? Für Galileo Galilei ist das Buch der Natur in mathematischer Schrift geschrieben. Alles in der Welt lässt sich quantitativ mit der Mathematik richtig erfassen, weil die Natur aus Körpern besteht, deren Größenverhältnisse man messen kann. Damit erklärt man sie für Galilei adäquat.
Aber gibt es in der Natur wirklich „Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren“16, wie es Galilei behauptet? Just dem widerspricht Nietzsche: „Wir operiren mit lauter Dingen, die es nicht giebt, mit Linien, Flächen, Körpern, Atomen, theilbaren Zeiten, theilbaren Räumen“17. Das sind ideale Konstrukte der Geometrie, die in der Natur nicht vorkommen. 1936 wird das Edmund Husserl bekräftigen: „In der Galileischen Mathematisierung der Natur wird nun diese selbst unter der Leitung der neuen Mathematik idealisiert“18.
Indes hat das schon Nietzsche erkannt: „[W]enn wir Alles erst zum Bilde machen, zu unserem Bilde! Es ist genug die Wissenschaft als möglichst getreue Anmenschlichung der Dinge zu betrachten, wir lernen immer genauer uns selber beschreiben, indem wir die Dinge und ihr Nacheinander beschreiben.“19 Just an dasselbe wird der Begründer der Quantenmechanik, Werner Heisenberg 1955 die Physik erinnern: „Auch in der Naturwissenschaft ist also der Gegenstand der Forschung nicht mehr die Natur an sich, sondern die der menschlichen Fragestellung ausgesetzte Natur, und insofern begegnet der Mensch auch hier wieder sich selbst.“20
Für Nietzsche steht damit das erkenntnistheoretische Grundprinzip des abendländischen Denkens in Frage, nämlich das Kausalprinzip von Ursache und Wirkung, mit dem man die Welt erklären will. Dagegen fragt Nietzsche: „[W]ie soll Erklärung auch nur möglich sein, […] Ursache und Wirkung: eine solche Zweiheit gibt es wahrscheinlich nie, – in Wahrheit steht ein continuum vor uns, von dem wir ein paar Stücke isolieren“21. Mit dem Kausalprinzip erklärt man eine Wirkung durch eine Ursache, also eine Sache durch eine andere. Aber wie sind die genauen Zusammenhänge?
Und dazu muss man die Sache auch genau kennen. Daher fragt Michel Foucault, dessen Poststrukturalismus noch vor der Postmoderne die Wahrheit als Übereinstimmung von Wort und Gegenstand in Frage stellt: „Warum lehnt der Genealoge Nietzsche zumindest gelegentlich die Suche nach dem Ursprung ab? Vor allem weil damit die Suche nach dem genau abgegrenzten Wesen der Sache gemeint ist“22.
Handelt es sich nicht um eine willkürliche Zerteilung bzw. um eine von wissenschaftlichen Methoden vorgegebene Bestimmung von Ereignissen? Wie bemerkt Nietzsche: „Man hat zu allen Zeiten geglaubt, zu wissen, was eine Ursache ist: aber woher nahmen wir unser Wissen, genauer, unsern Glauben, hier zu wissen?“23 Für viele religiös Gläubige gilt ein Gott als Weltschöpfer und damit als erste Ursache. Wer den Naturwissenschaften vertraut, kauft ihnen die Theorie des Urknalls ab. Ähnlich wie Nietzsche bemerkt Maturana: „Erklärungen sind also von einem Zuhörer akzeptierte Aussagen über Erzeugungsmechanismen.“24
Verdankt sich das Kausalprinzip nicht nur dem Drang, sich die Welt verständlich zu machen, d. h. heute naturwissenschaftlich? Daraus folgt für von Glasersfeld, „dass wir erwarten, dass die Welt, in der wir leben, eine Welt ist, in der es gewisse Regelmäßigkeiten gibt, eine Welt, die nach gewissen Regeln funktioniert.“25
Denn wenn man nicht das Wetter als Grund für den Kopfschmerz angeben kann, beunruhigt das: ein Gehirntumor? Kennt man indes die Ursachen, dann hofft man, etwas dagegen tun zu können. Das führt dann dazu, so Nietzsche: „Etwas Unbekanntes auf etwas Bekanntes zurückführen, erleichtert, beruhigt, befriedigt, giebt ausserdem ein Gefühl von Macht.“26

3. Das Ende der ‚wahren Welt‘
Zudem gibt es niemals nur eine Interpretation als Erklärung eines Ereignisses, sondern immer verschiedene. Das ist eigentlich das selbstkritische Prinzip moderner Wissenschaften, das sie von Religionen und Ideologien unterscheiden sollte. Freilich vergessen Wissenschaftler das schnell, wenn sie ihre Lehren als einzig richtige behaupten, weil es z. B. um Fördermittel geht.
Nur ist das schlicht die falsch angewandte Wissenschaft. Das hat Nietzsche den Wissenschaften bereits ins Stammbuch geschrieben, wenn er verschiedene Formen des Nihilismus unterscheidet: „Der radikale Nihilismus ist die Überzeugung einer absoluten Unhaltbarkeit des Daseins, wenn es sich um die höchsten Werthe, die man anerkennt <handelt>, hinzugerechnet die Einsicht, dass wir nicht das geringste Recht haben, ein Jenseits oder ein An-sich der Dinge anzusetzen, das ‚göttlich‘, das leibhafte Moral sei.“27 Wenn man die Welt nicht mehr adäquat erklären kann, dann lässt sich aus ihr auch keine Moral ableiten.
Davon grenzt Nietzsche die extremste Form des Nihilismus ab: „Daß es keine Wahrheit giebt; daß es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein ‚Ding an sich’ giebt – dies ist selbst ein Nihilism, und zwar der extremste.“28 Das Christentum wie die modernen Naturwissenschaften verlieren damit nicht nur die Grundlagen ihrer Ethiken, sondern vor allem ihrer Erkenntnisse.
Dann muss man die Welt verschieden interpretieren. Dadurch eröffnen sich auch Perspektiven für verschiedene Lebensformen, so dass man weder wissenschaftlich noch religiös eine bestimmte Lebensform zur richtigen erklären kann; „denn man erkennt,“ so Maturana, „dass sich Aussagen nicht mit ‚dem Realen‘ begründen lassen, dass die Idee der objektiven Realität in erster Linie als ein strategisches Argument für die Gültigkeit von Erklärungen bürgen sollte und dass man faktisch viele operational kohärente Bereichen abgrenzen kann, die genauso gut lebbar und tragfähig sind wie ehemals ‚der einzig reale‘.“29
Das hatte Nietzsche in einem zentralen Aphorismus auf den Punkt gebracht: „Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die scheinbare vielleicht? . . . Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!“30 Wenn es keine Wahrheit als Übereinstimmung von Aussage und Sachverhalt gibt, existieren weder eine wahre noch eine scheinbare Welt, sondern viele Welten, die sich verschiedenen Interpretationen verdanken. So fordert Maturana anzuerkennen, „dass jene Unterscheidung zwischen Realität und Schein ein fragwürdiges Konstrukt ist, woraus sich wiederum andere, prinzipiell erklärbare Konsequenzen ergeben müssen.“31 Damit vollendet der radikale Konstruktivismus Nietzsches extremsten Nihilismus.
Alle Erkenntnisse verdanken sich verschiedenen Weltverständnissen. Dergleichen sollte man selbst schon von vornherein einkalkulieren. So schreibt Nietzsche programmatisch: „Es giebt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ‚Erkennen‘; Und […] je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsre ‚Objektivität‘ sein.“32 Daher darf man sich nicht mit einer einzelnen Perspektive auf die Welt zufriedengeben.
Daraus ergeben sich für den radikalen Konstruktivismus wie für Nietzsche viele verschiedene Wege der Erkenntnis. Von Glasersfeld schreibt:
Da Wissen für den Konstruktivisten nie Bild oder Widerspiegelung der ontischen Wirklichkeit darstellt, sondern stets nur einen möglichen Weg, um zwischen den „Gegenständen“ durchzukommen, schließt das Finden eines befriedigenden Wegs nie aus, dass da andere befriedigende Wege gefunden werden können.33
Dann präsentiert sich die Lage nach dem Ende der wahren Welt – gleichgültig ob diese religiös oder wissenschaftlich unterstellt wird – folgendermaßen: „Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten?“34 Bis heute lesen das die meisten Menschen, vor allem viele Wissenschaftler gar nicht gerne, können dann letztere ersteren nämlich nicht mehr vorschreiben, wie sie zu leben haben.
Beim Artikelbild (Quelle) handelt es sich um das Gemälde Das Experiment mit dem Vogel in der Luftpumpe (1767/8) des englischen Malers Joseph Wright of Derby (1734–1797). Es zeigt ein berühmtes Experiment, in dem der irische Naturforscher Robert Boyle (1627–1692) beweisen wollte, dass Tiere Luft zum Leben benötigen, indem er sie einem in einer Glaskugel eingesperrten Vogel mithilfe einer eigens beauftragten Pumpe, damals Hightech, entzog. Das Tier starb qualvoll – quod erat demonstrandum.
Literatur
Martin Heidegger im Gespräch mit Richard Wisser (ZDF 24.9.1969). In: Emil Kettering & Günther Neske (Hrsg.): Antwort. Martin Heidegger im Gespräch, Pfullingen 1988.
Foucault, Michel: Nietzsche, die Genealogie, die Historie (1971). In: Ders.: Von der Subversion des Wissens, Frankfurt a. M. 1987.
Galilei, Galileo: Il Saggiatore (1623). In: Le opere di G. Galilei, Firenze 1932.
von Glasersfeld, Ernst: Die Logik der naturwissenschaftlichen Fehlbarkeit (1987). In: Ders.: Wege des Wissens. Konstruktivistische Erkundungen durch unser Denken, 2. Aufl. Heidelberg 2013.
Ders.: Konstruktion der Wirklichkeit des Begriffs der Objektivität (1992). In: Heinz Gumin & Heinrich Meier (Hrsg.): Einführung in den Konstruktivismus, 10. Aufl. München 2010.
Heisenberg, Werner: Das Naturbild der heutigen Physik. Hamburg 1955.
Husserl, Edmund: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936). Husserliana Bd. VI. Den Haag 1954.
Marx, Karl: Thesen über Feuerbach (1845). In: MEW Bd. 3, Berlin 1969.
Maturana, Umberto: Was ist Erkennen? (1992). München & Zürich 1994.
Ottmann, Henning: Philosophie und Politik bei Nietzsche (1987), 2. Aufl. Berlin & New York 1999.
Varela, Francisco J.: Ethisches Können (1992). Frankfurt a. M. & New York 1994.
Vattimo, Gianni: Jenseits der Interpretation. Die Bedeutung der Hermeneutik für die Philosophie (1994). Frankfurt a. M. & New York 1997.
Fußnoten
1: Ueber Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, Abs. 1.
2: Ethisches Können, S. 20.
4: Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-Ueberwindung.
5: Philosophie und Politik bei Nietzsche, S. 354.
7: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 9.
8: Thesen über Feuerbach (1845), S. 7.
9: Martin Heidegger im Gespräch mit Richard Wisser, S. 22.
10: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 22.
11: Jenseits der Interpretation, S. 155.
12: Was ist Erkennen?, S. 31.
14: Konstruktion der Wirklichkeit des Begriffs der Objektivität, S. 21.
15: Ebd., S. 12.
16: Il Saggiatore, S. 232.
17: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 112.
18: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, S. 20.
19: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 112.
20: Das Naturbild der heutigen Physik, S. 18.
21: Die fröhliche Wissenschaft, Aph. 112.
22: Nietzsche, die Genealogie, die Historie, S. 71.
23: Götzen-Dämmerung, Die vier grossen Irrthümer, Abs. 3.
24: Was ist Erkennen?, S. 43.
25: Die Logik der naturwissenschaftlichen Fehlbarkeit, S. 73.
26: Götzen-Dämmerung, Die vier grossen Irrthümer, Abs. 5.
27: Nachlass Nr. 1887 10[192].
29: Was ist Erkennen?, S. 47.
30: Götzen-Dämmerung, Wie die „wahre Welt“ endlich zur Fabel wurde.
31: Was ist Erkennen? S. 53.
32: Zur Genealogie der Moral, 3. Abh., Abs. 12.
33: Konstruktion der Wirklichkeit des Begriffs der Objektivität, S. 32.
„Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen“
Von Nietzsches Erkenntniskritik zum radikalen Konstruktivismus
Nietzsche hinterfragt die Wahrheit als adäquate Erkenntnis der Welt. Damit gibt es keine wahre Welt mehr, wie sie die modernen Wissenschaften unterstellen. Der radikale Konstruktivismus, der in der Biologie entsteht, für den Lebewesen ihre Umwelt nur so wahrnehmen, wie es ihre inneren Strukturen erlauben, bestätigt Nietzsches Analysen und damit auch die postmoderne Philosophie, in der Wahrheit auch nur als Konstruktion und nicht als objektive Erfassung eines Gegenstandes betrachtet wird. Daraus folgt nicht nur, dass man die Welt verschieden interpretieren kann, sondern auch dass es keine bestimmte allein richtige Wahrheit und damit Lebensform gibt.
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„ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die ‚ewige Wiederkunft‘, mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutter und Schwester sind.“
Zum Verhältnis Nietzsches zu seiner Mutter. Grüße zum Muttertag
„ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die ‚ewige Wiederkunft‘, mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutter und Schwester sind.“1
Zum Verhältnis Nietzsches zu seiner Mutter. Grüße zum Muttertag


Nietzsches Philosophie gilt als Akt der Selbstbefreiung – doch gegen die eigene Familie blieb auch der Übermensch machtlos. Dieser Essay beleuchtet das pathologische Spannungsfeld zwischen dem einsamen Denker und den „Canaille“-Verwandten, Mutter Franziska Nietzsche und Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Während der Philosoph in seinen Schriften das „Weib an sich“ als flach, unselbstständig und geistlos (de)konstruiert, lässt er sich gleichzeitig Strümpfe stopfen und Wurstkisten aus Naumburg schicken. Ein Essay über den tiefsten Einwand gegen die ewige Wiederkunft: die eigene Verwandtschaft.
Dies ist der zweite Teil einer kleinen Serie zum diesjährigen Muttertag. Im ersten Teil schrieb Henry Holland über Franziska Nietzsches Leben mit besonderem Fokus auf ihre Zeit vor Nietzsche und ihre letzten Jahre.
„Ich hatte den Eindruck, daß er in diesem Zustand seine Mutter möglicherweise einmal erschlagen oder erwürgen könne.“2 Diese Zeilen schreibt Köselitz 1893 an Overbeck nach einem Besuch bei Nietzsche, nachdem dieser, der geistigen Umnachtung bereits anheimgefallen, von seiner Mutter aufopferungsvoll gepflegt wurde. Vielleicht ist das von Köselitz beobachtete aggressive Verhalten nur als ein Symptom des Wahnsinns und der bereits verfallenden Persönlichkeit Nietzsches zu deuten. Bösere Zungen könnten behaupten, dass sich in eben jener Aggressivität das unterdrückte Gefühl offenbare, das Nietzsche in Wirklichkeit seiner Mutter entgegengebracht hätte: Verachtung, die unter der Oberfläche in Hass zündet.
Nun, so könnten wir fragen, was geht uns das eigentlich an? Ob Nietzsche seine Mutter geliebt oder verachtet hat, ob ihre Pflege aufopferungsvoll war oder ob sie unabhängig von ihren tatsächlichen Gefühlen nur den gesellschaftlichen Erwartungen an eine „liebende Mutter“ entsprechen wollte? Ob sie Nietzsche vor den Blicken der Nachbarn schützen wollte oder sich selbst vor ihrem Gerede, als sie ihn zunehmend im Haus einschloss? Ob sie geistig beschränkt war und ihre christlichen Ideale bigott, ob das „Tugendgewäsch“ und die zahlreichen „möge Gott es richten“3 einer tapferen, schicksalsergebenen Seele entsprangen oder einer des Ressentiments, die niemanden und erst recht nicht ihren Kindern ein Leben jenseits des normativen Korsetts zugestehen wollte, die sie lieber unglücklich gesehen hätte, aber verheiratet und den Sohn in einem ordentlichen Beruf statt dauerhaft krankgeschrieben und vagabundierend in von ihm selbst für gut befundenen klimatischen Kuren?4
Ja, das könnte uns natürlich ganz egal sein oder nur unsere persönliche Neugier befriedigen, wenn nicht diese Überlegungen uns behilflich sein könnten, Nietzsches Philosophie ein wenig mehr zu mögen, indem wir nachjustieren, ausgleichen und besser verstehen: Wenn er in seinem Frauenhass mal wieder so ausfällig wird, wenn er gegen die christliche Nächstenliebe so wütet, wenn er sich so gehen lässt im Furor seiner Verachtung.

I. Zwischen Mama und Lama
Nun gut, so könnten wir sagen, er hat zwar auch Malwida von Meysenbug, Lou von Salomé, Meta von Salis und Ida Overbeck gekannt – alles kluge Frauen –, aber geprägt wurde er doch von zwei anderen. Denn die Familie lässt einen doch nie ganz los oder zumindest nicht Nietzsche.
Dass sie ihm nicht guttun, findet man immer wieder in seinen Briefen: „Ich mag meine Mutter nicht, und die Stimme meiner Schwester zu hören macht mir Mißvergnügen; ich bin immer krank geworden, wenn ich mit ihnen zusammen war.“5 Dass er seiner Mutter sehr beschränkten Einblick in sein Innenleben gewährt – oder wir könnten auch sagen: gar keinen –, dass er ihr davon abrät, seine Bücher zu lesen, hindert ihn nicht daran, sich immer wieder Fresspakete von ihr schicken zu lassen. Diese Tradition beginnt in seiner Schulzeit, ein Kistchen wandert hin und her, Nietzsche schreibt der Mutter, was des Sohnes Herz begehrt, und dann kommt das mit Fressalien und gewaschenen Kleidungsstücken gefüllte Kistchen zurück. Warum damit aufhören? Auch ein einsamer Philosoph darf einmal gut essen:
Wenn die Wurst Ende nächster Woche eintrifft, so wäre es die beste Zeit! Dann bitte ich um 1) 1 Paar wollne Strümpfe, 2) einen Handschuh (gestrickt) zum Waschen (wie das gute Lama mir sie zu machen pflegt) (ich meine zu meinem Bade morgens) und 3) endlich ein Paar schwarze gestrickte recht lange Handschuh mit einem Daumen. Bitte bitte!“6
Und auch die viel geschmähte Schwester darf aushelfen, Nietzsche das Leben leichter zu machen. In Basel führt sie dem gesundheitlich immer mal wieder angeschlagenen Nietzsche den Haushalt, so dass sie „etwa ein Drittel von Nietzsches Basler Zeit mit ihm gemeinsam“7 verbringt. Und wird sie gerufen, so kommt sie, selbst als Anstandsdame nach Tautenburg, wo Salomé und ihr Bruder im August des Jahres 1882 etwa drei Wochen lang miteinander diskutieren und wandern. Ein nietzschescher Fehlgriff mit letztlich fatalen Folgen für die Freundschaft zwischen Nietzsche und Lou von Salomé, zumindest aus seiner späteren Sicht. Denn es bleibt fraglich, ob ohne Schwester Friedrich Nietzsche der spitzen Zunge von Salomé gewachsen gewesen wäre.
Ihrem Herzensfritz können zumindest die beiden blutsverwandten Frauen Elisabeth und Franziska Nietzsche nur schwerlich etwas ausschlagen und man wird sich nicht wundern, wenn für solchen Liebensdienst auch eine Gegenleistung erwartet wird: ein anständiges bürgerliches Leben, das wäre doch nicht zu viel verlangt, keine Ausfälligkeiten gegen Autoritäten und ein wenig mehr Anpassung an den Zeitgeist. Da hat man so ein wunderschönes Schreibetalent – könnte sich die Schwester gedacht haben – und dann schreibt er ausgerechnet sowas. Die Mutter liest die Bücher gar nicht erst und das ist wohl auch besser so.
Das große Zerwürfnis mit Mutter und Schwester geschieht 1882 im Zuge der „Lou-Affäre“. Elisabeth Nietzsche intrigiert gegen Lou von Salomé, von der sie, wie man zugeben muss, wohl mehr als abschätzig behandelt wurde. Eifersucht spielt sicherlich eine Rolle. Wie unpassend die Freundschaft zwischen den beiden sei, was Lou von Salomé hinter Nietzsches Rücken über diesen behaupte, diese Spitzen Elisabeth Nietzsches erreichen sowohl die Mutter als auch Friedrich. Ein Besuch in Naumburg endet im Desaster. Nietzsche reist ab und schreibt an Overbeck:
So ist es mir zum Beispiel noch nicht Eine Stunde aus dem Gedächtnisse weggeblieben, daß mich meine Mutter eine Schande für das Grab meines Vaters genannt hat. Von anderen Beispielen will ich schweigen – aber ein Pistolenlauf ist mir jetzt eine Quelle relativ angenehmer Gedanken.8
Als Dank für all die Zuwendung und die enttäuschten Erwartungen lastet nun – von vielen Nietzscheforschenden verhängt – eine große Schuld auf Mutter und Schwester. All das Unsägliche, was Nietzsche über Frauen geschrieben hat, sei ihnen anzulasten. Und vielleicht noch der herrischen Großmutter Erdmuthe und den Tanten: der schwächlichen Auguste und der nervösen Rosalie. Was aus so einem Frauenhaushalt entspringt, ist Frauenhass, der auch ein guter Teil Selbsthass ist, denn wenn wir unseren Hass nicht ausleben können und uns nicht frei und frech von ihm befreien, dann geht er ins Innerliche, dann hassen wir uns eben selbst und diejenigen, die uns geformt haben.
II. Nietzsches Misogynie
Franz Overbeck schreibt in seinen Erinnerungen über Nietzsche:
[S]ich selbst zu behaupten und durchzusetzen war ihm keineswegs überall leicht, und er hat vielleicht den „Willen zur Macht“ mit solcher Beredtsamkeit zum Ideal entwickelt, wie es nur Einem möglich war, dem dieses Ideal so sehr als solches vorschwebte und ihm selbst nicht eigentlich Fleisch geworden war.9
Wie mit Frauen umgehen, die einen fortwährend auf der Nase herumtanzen? Einige Aphorismen aus Menschliches, Allzumenschliches klingen wie Überlegungen zu dieser Frage. Frauen mit ihren „plötzlichen Entscheidungen über das Für und Wider“ einer Sache, die man doch besser gründlich abzuwägen habe, wurden seiner Meinung nach viel zu häufig von Männern als „sibyllinische Orakel“ romantisiert, obwohl die Vielseitigkeit der Dinge es schlicht nahelegt, dass „die Natur der Dinge […] so eingerichtet [ist], dass die Frauen immer Recht behalten“10.
Spricht da ein Mann, der sich nicht zur Wehr setzen kann gegen die weibliche, pragmatische Vernunft? „Der Intellect der Weiber zeigt sich als vollkommene Beherrschung, Gegenwärtigkeit des Geistes, Benutzung aller Vortheile.“11 Sind sie einmal in Hass entflammt, kennen die Frauen nach Nietzsche keinerlei Zurückhaltung. Kein moralisches Korsett zwängt sie ein und so üben sie sich, „wunde Stellen […] zu finden und dort hinein zu stechen: wozu ihnen ihr dolchspitzer Verstand treffliche Dienste leistet“12.
Nach einem ausgiebigen Zank reue es das eine Geschlecht, dass es weh getan habe, während es das andere stört, „dem andern nicht genug Wehe gethan zu haben, wesshalb er sich bemüht, durch Thränen, Schluchzen und verstörte Mienen, ihm noch hinterdrein das Herz schwer zu machen“13. Welcher Leser mag sich bei diesen Worten nicht einen familiären Streit im Hause Nietzsche vorstellen? Und sich einen Nietzsche imaginieren, der, statt sich schön ungebunden, frei von „Zwang, Störung, Lärm, von Geschäften, Pflichten, Sorgen“14 in philosophischen Weiten bewegt, sich über häusliche Angelegenheiten grämt – und das auch noch mit vermaledeit schlechtem Gewissen. Garstige Frauenzimmer!
Gerade darin gewannen sie ihre Macht, dass sie das ganze häusliche Leben der Männer vergiften konnten (damit, so Nietzsche, hat Xanthippe ihren Mann Sokrates erst raus auf die Gassen und zur Philosophie getrieben15). Die Frauen herrschen, aber im Kleinen und verdeckt16 – und das ist auch die einzige Art, wie Frauen es können –, so Friedrich Nietzsche. Daher sollten sie um ihrer selbst willen nicht begehren, worin sie den Mann neuerdings Konkurrenz zu machen wünschen: nach Emanzipation.17 Nicht auszumalen, was das für die Wissenschaft bedeuten würden, wenn da Frauen mit ihrem allzu spitzen, schnellen, widersprüchlichen Denken hineinlangten.18 Und je weiter die Emanzipation gehe, desto mehr verlören die Frauen ihre ursprüngliche Macht über Männer. Sie vermännlichten sich selbst, weswegen ein Zeitalter mit einem höheren Maß an Emanzipation paradoxerweise weniger Macht für Frauen bedeute.
Dies schreibt Nietzsche auch in Jenseits von Gut und Böse, wo er nochmal tüchtig nachlegt. Er versieht dabei interessanterweise die Aphorismen 231 bis 239 aus dem Siebten Hauptstück, unsere Tugenden (wir ahnen es schon – keine weiblichen), mit einer einleitenden Überlegung:
Aber im Grunde von uns, ganz „da unten“, giebt es freilich etwas Unbelehrbares, einen Granit von geistigem Fatum, von vorherbestimmter Entscheidung und Antwort auf vorherbestimmte ausgelesene Fragen. Bei jedem kardinalen Probleme redet ein unwandelbares „das bin ich“; über Mann und Weib zum Beispiel kann ein Denker nicht umlernen, sondern nur auslernen.19
Diese „Entscheidungen“ werden später zu anderen Zeiten, anders ausgelegt und auf den Denker, der solches aussagte, selbst gemünzt, als
Wegweiser zum Probleme, das wir sind, - richtiger, zur grossen Dummheit, die wir sind, zu unserem geistigen Fatum, zum Unbelehrbaren ganz „da unten“. – Auf diese reichliche Artigkeit hin, wie ich sie eben gegen mich selbst begangen habe, wird es mir vielleicht eher schon gestattet sein, über das „Weib an sich“ einige Wahrheiten auszusagen: gesetzt, dass man es von vornherein nunmehr weiss, wie sehr es eben nur – meine Wahrheiten sind.20
Man kann diese Zeile dazu nutzen, zu behaupten, dass Nietzsche sich in den folgenden Aphorismen über die herrschenden Vorurteile gegenüber Frauen lustig macht, indem er sie zuspitzt und als „Dummheit“ persifliert. Indes, wir können ihn auch beim Wort nehmen, dass es in der Tat seine Wahrheit war und dass er doch wusste, wie sehr es zu seinem „Unbelehrbaren ganz ‚da unten‘“ gehörte. Vielleicht findet ein jeder Mensch in sich ein paar hässliche, niedrige Überzeugungen, die öffentlich auszusprechen er sich gewöhnlich scheuen würde, nicht weil er nicht an sie glaubt, sondern weil er sich davor fürchtet, wie man dann über ihn denkt.

III. Eine Entschuldigung?
Es mag schwer sein, sich von den Erfahrungen zu distanzieren, die man macht, und in einer Zeit, in der Frauen bevormundet und kleingehalten wurden, waren die sie größtenteils so, wie sie geformt wurden. Denken wir an Franziska Nietzsche, die ihren Ehegatten mit 17 Jahren kennenlernte (es ist alles richtig daran, „[d]er einzige Fehler ist nur daß ich so zu jung bin Mutterchen“21), oder daran, dass sie von Ludwig Nietzsche einen Entwurf als Musterbrief vorgesetzt bekam dafür, wie sie als Frau Pastorin zu schreiben habe.22 Elisabeth Nietzsche, Absolventin einer Mädchenschule, besaß Zeit ihres Lebens eine eigenwillige Zeichensetzung, die hauptsächlich durch Aussparungen gekennzeichnet war. Ihr jugendlicher Schreibstil wird von Kerstin Decker treffend charakterisiert:
Gewöhnlich klang sie so, wie ein junges Mädchen nach allgemeiner Übereinkunft klingen sollte, schwärmerisch, aufblickend, sentimental, nicht klinisch dumm, aber etwas, und erschauernd vor männlicher Größe: „Geliebter Fritz! Wie lange sehne ich mich schon an Dich zu schreiben, besonders lebendig aber ist die Sehnsucht seit den letzten acht Tagen seitdem ich berauscht durch Dein liebes neues Buch wandre“[.]23
Aber kann man, indem man die anerzogene Geistlosigkeit der Frauen beschreibt, das Gesamturteil, das Nietzsche über Frauen fällt, entschuldigen? In der Nietzsche-Forschung wird häufig argumentiert, die vermeintliche geistige Beschränktheit von Elisabeth und Franziska Nietzsche habe Friedrichs frauenfeindliche Einstellung provoziert oder gar legitimiert. Doch diese Sichtweise verfängt sich in einer absurden Täter-Opfer-Umkehr: Man bürdet den Opfern einer repressiven Erziehung und intellektuellen Einkerkerung die moralische Verantwortung für ein männliches Denksystem auf, das eben jene Unterdrückung rechtfertigt. Es ist die Perfektion des Zirkelschlusses: Den Frauen wird angelastet, dass sie durch ihre (erzwungene) Unmündigkeit dem Philosophen die Argumente für ihre eigene Abwertung lieferten. Die Deformation, wie sie die Erziehung und Bevormundung bei den Frauen anrichtete, wird zur Ursache des männlichen Ressentiments verklärt statt sie als dessen Produkt zu begreifen. Und hatte Nietzsche nicht genug „Gegenmaterial“ von Frauen bei der Hand, das ihn genauso gut von seinem „Fatum“ hätte befreien können?
Im Gegensatz zu Elisabeth Nietzsche versucht Nietzsches Mutter nie, selbst zu eigenständigen intellektuellen Urteilen zu gelangen. Wann immer es sich anbietet, zieht sie jemanden zu Rate, der ihr sagen kann, wie die Dinge aussehen. Und wenn sie doch anders fühlt, als sie zu denken hat, gerät sie in inneren Aufruhr. Über ihre Uneinsichtigkeit, den wahnsinnigen Nietzsche für unheilbar zu halten, verhängt der behandelnde Arzt folgendes Urteil: „Mutter macht einen beschränkten Eindruck“24. Die wohl selbstmächtigste Tat in ihrem Leben wird die Entscheidung sein, den kranken Nietzsche zu sich zu nehmen25 und ihn auch gegen die Vereinnahmungen der Schwester bei sich zu behalten. Die Vollmacht über sein geistiges Erbe gibt sie schließlich ab,26 auch wenn die Veröffentlichung des Antichristen sie stark schmerzt27 und fraglich bleibt, welches Werk überlebt hätte, wenn die Vollmachten in Mutters Hand geblieben wären und ob sie nicht dem Drängen des Pastors nachgegeben hätte, das ein oder andere Schriftstück zu vernichten.
In Sachen Frauen-Männer-Beziehung können wir sowohl Friedrich als auch Elisabeth und Franziska Nietzsche als Opfer ihrer Zeit betrachten. Und wer am Ende mehr am anderen gelitten hat, wird immer unser eigenes Phantasieprodukt bleiben:
Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit. Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flösst mir ein unsägliches Grauen ein: hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine, mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann[.]28
Am 15. August 1900 stirbt der seit gut 10 Jahren geistig umnachtete Nietzsche wohlverwahrt von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche in der Villa Silberblick in Weimar.
Das Artikelbild stammt von der Zwickauer Künstlerin Christina Stephan, die uns auch zu dieser kleinen Reihe inspirierte. Erfahren Sie mehr zu ihr und ihrer Kunst auf ihrer Internetseite. Es zeigt Nietzsches Mutter mit ihren Kindern Elisabeth und Friedrich und ihrem jung verstorbenen Gatten.
Literatur
Decker, Kerstin: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche. Berlin & München 2016.
Gabel, Gernot U. & Carl Helmuth Jagenberg (Hg.): Der entmündigte Philosoph. Briefe von Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler aus den Jahren 1889-1897. Hürth 1994.
Janz, Curt Paul: Friedrich Nietzsche. Biographie. Die Jahre des Siechtums. Dokumente. Quellen und Register, Bd. 3. Frankfurt a. M. 1993.
Overbeck, Franz: Werke und Nachlaß. Autobiographisches. „Meine Freunde Treitschke, Nietzsche und Rohde“, hrsg. von Barbara Reibnitz und Marianne Stauffacher-Schaub. Stuttgart & Weimar 1999.
Podach, Erich F. (Hg.): Der kranke Nietzsche. Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck. Wien 1937.
Schmidt-Losch, Ursula: „ein verfehltes Leben“? Nietzsches Mutter Franziska. Aschaffenburg 2001.
Volz, Pia Daniela: Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit. Eine medizinisch-biographische Untersuchung. Würzburg 1990.
Fußnoten
1: Ecce homo, Warum ich so weise bin, Abs. 3.
2: Zit. n.: Pia Daniela Volz, Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit, S. 471.
3: Zur christlichen Sprache in Nietzsches Elternhaus siehe das Kapitel „der liebe Gott wird“… Religiöse Sprache im Hause Nietzsche 1844-1850 und ihre früh(st)en Folgen in Ursula Schmidt-Losch, „ein verfehltes Leben“?, S. 105-120.
4: „Bin ich es nicht, der ein Übermaaß von unverdienter Güte Euch im letzten Jahr bewiesen hat? Seid Ihr denn undankbar durch und durch? Oder so in den letzten Grund hinein verlogen, daß die einfachste Wahrheit bei Euch auf dem Kopfe steht? Wer hat sich denn schlecht gegen mich benommen, wenn nicht Ihr? Wer hat mein Leben in Gefahr gebracht, wenn nicht Ihr? Wer hat mich so vollständig in Stich gelassen, wie Ihr, und damals, wo ich Trost nöthig hatte, mir mit Verhöhnung und Beschmutzung meines ganzen Lebens und Strebens geantwortet? Ich kenne erst recht, und von Kindheit an, die moralische Distanz, die mich und Euch trennt, und habe all meine Milde, Geduld und Stillschweigen nöthig gehabt, um Sie Euch nicht allzufühlbar zu machen. Begreift Ihr denn Nichts von dem Widerwillen, den ich zu überwinden habe, mit solchen Menschen, wie Ihr seid, so nahe verwandt zu sein! Was bringt mich denn zum Erbrechen, wenn ich Briefe meiner Schwester lese und diese Mischung von Blödsinn und Dreistigkeit, die sich gar noch moralisch aufputzt, hinunterschlucken muß?“ (Brief an Franziska Nietzsche in Naumburg (Entwürfe), Nizza, Januar/Februar 1884, Nr. 482.)
5: Brief an Franz Overbeck v. 06/03/1883, Nr. 386.
6: Brief an Franziska Nietzsche v. 13/07/1881, Nr. 126.
7: Schmidt-Losch, ‚ein verfehltes Leben‘? Nietzsches Mutter Franziska, S. 29.
8: Brief an Franz Overbeck v. 10/02/1883, Nr. 373.
9: Franz Overbeck, Werke und Nachlaß, S. 25.
10: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 417.
11: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 411. Könnte da Nietzsche auch an seine Mutter gedacht haben, die beim pragmatischen Haushalten äußerst geschickt darin war, finanziell für sich und die ihren vorzusorgen? So schreibt Schmidt-Losch unter Berücksichtigung von Franziska Nietzsches Korrespondenz: „Dabei entwickelt sie ein Maß an Geschicklichkeit, ja Virtuosität, das in einer erstaunlichen Diskrepanz zu Beurteilungen ihrer Intelligenz steht, denen Franziska seitens mancher Biographen unterworfen wurde. Schon die junge Röckener Witwe wußte alle Register zu ziehen, wenn es um das Organisieren von Unterstützung ging; und noch gegen Ende ihres siebten Jahrzehnts spielte Franziska ihre Meisterschaft im Erbitten von Unterstützung brillant aus“ („ein verfehltes Leben“? Nietzsches Mutter Franziska, S. 27).
12: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 414.
13: Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 420.
14:Zur Genealogie der Moral III, Abs. 8.
15: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 433.
16: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 412 & Jenseits von Gut und Böse, Aph. 239.
17: Vgl. Jenseits von Gut und Böse, Aph. 232 & 239.
18: Vgl. Menschliches, Allzumenschliches I, Aph. 416, 419 & 425 und Jenseits von Gut und Böse, Aph. 232, 233, 234 & 239. Man kann eine Verschiebung im Akzent des Urteils zwischen den beiden Werken erkennen. Während die Unfähigkeit der Frau zur Wissenschaft in Menschliches, Allzumenschliches als gegenwärtiger Zustand beschrieben wird, der sich auch eines Tages ändern könnte (vgl. Aph. 416 & 425), wird in Jenseits von Gut und Böse die angeborene Flachheit der Frauen und die Widernatürlichkeit ihrer Instinkte, wenn sie sich für den Geist interessieren, behauptet (vgl. Aph. 234, 238 & 239). Insofern kann man die Entwicklung als eine Verschärfung des misogynen Gedankenguts innerhalb von Nietzsches Philosophie beschreiben.
19: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 231.
20: Ebd.
21: Diese Erinnerung und auch die Erwiderung ihrer Mutter „‚dieser Fehler verbessert sich alle Tage mein Kind‘“, schreibt Franziska Nietzsche in ihren Lebenserinnerungen auf (siehe: Franziska Nietzsche: Mein Leben,. In: Schmidt-Losch, „ein verfehltes Leben“, S. 80-103; 99).
22: So beschreibt Schmidt-Losch Franziska Nietzsches „Umerziehung“ in der frischen Ehe wie folgt: „[A]us dem natürlichen und unkomplizierten Mädchen vom Lande soll eine Frau Pastorin werden. In einer Konzeptkladde übt sie, Briefe zu schreiben, die ihr Herr und Meister korrigiert. Ein Briefentwurf fällt offensichtlich so miserabel aus, daß schließlich der Herr Pastor einen Musterbrief auf der Grundlage von Franziskas Text entwirft, an dessen betuliche Formulierungen sich Franziska künftig brav hält“ („ein verfehltes Leben“?, S. 19).
23: Die Schwester, S. 157.
24: Curt Paul Janz: Friedrich Nietzsche. Bd. 3, S. 51.
25: Bereits die Entscheidung, Nietzsche von Basel nach Jena zu verlegen, kann als Kompromiss mit Overbeck verstanden werden, der in einem Brief an Köselitz antwortet: „Ich bin vor einem Jahre überhaupt der Ansicht gewesen, Nietzsche solle hier in meiner Nähe bleiben, habe insbesondere gegen die übereilte Art, wie Nietzsche von seiner Mutter mitgenommen wurde, gekämpft, verlangt, sie solle zunächst allein reisen und nach einem passenden Unterkommen in ihrer Nähe erst förmlich suchen“ (zit. n. ebd.).
26: Wenn auch widerwillig: „Die soeben gethane Unterschrift hinsichtlich der Abtretung des Geistesschatzes meines Sohnes, um fremdes Geld, habe ich nur auf Bitten und Drängen meiner Tochter Frau Dr Foester gethan und es ist somit durch eine gewußte Nöthigung geschehen“ (Gernot U. Gabel & Carl Helmuth Jagenberg [Hg.], Der entmündigte Philosoph. Briefe von Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler aus den Jahren 1889-1897, S. 74).
27: „[I]ch finde, daß man im achten Band den schrecklichen Antichrist und mehrere Gedichte weglassen konnte, ich empfinde darüber bitteren Kummer: hat er doch schon mehr als genug darüber in seinen Werken gesagt und ich begreife jetzt doppelt seine Worte: ‚Lies es nicht Mutterchen, es ist von einem ganz anderen Standpunkt aus geschrieben.‘“ Diese klagenden Worte über das Schriftstück schreibt Franziska Nietzsche naiverweise an Franz Overbeck, dem sie glücklicherweise vermelden kann, dass sie aber als Frau auch gar nicht urteilsfähig sei im Hinblick auf philosophische Bücher, denn „[ü]berhaupt finde ich, daß Philosophie nichts für Frauen ist, wir verlieren den Boden unter den Füßen.“ (Erich F. Podach [Hg.], Der kranke Nietzsche. Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck, S. 180 f.). Letzteres kann man sicherlich als Seitenhieb auf die Tochter verstehen, die sich für die Herausgabe der philosophischen Werke des Bruders als geeignet ansieht.
28: Ecce homo, Warum ich so weise bin, Abs. 3. Elisabeth Förster-Nietzsche ließ das Blatt mit diesen Zeilen von Köselitz vom Verleger Naumann abholen und vernichtete es. Köselitz hatte aber bereits eine Abschrift angefertigt. Franziska Nietzsche erfuhr erst spät (1895) mündlich von ihrer Tochter von der abwertenden Stelle mit dem Ziel, sie zu verletzen.
„ich bekenne, dass der tiefste Einwand gegen die ‚ewige Wiederkunft‘, mein eigentlich abgründlicher Gedanke, immer Mutter und Schwester sind.“1
Zum Verhältnis Nietzsches zu seiner Mutter. Grüße zum Muttertag
Nietzsches Philosophie gilt als Akt der Selbstbefreiung – doch gegen die eigene Familie blieb auch der Übermensch machtlos. Dieser Essay beleuchtet das pathologische Spannungsfeld zwischen dem einsamen Denker und den „Canaille“-Verwandten, Mutter Franziska Nietzsche und Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche. Während der Philosoph in seinen Schriften das „Weib an sich“ als flach, unselbstständig und geistlos (de)konstruiert, lässt er sich gleichzeitig Strümpfe stopfen und Wurstkisten aus Naumburg schicken. Ein Essay über den tiefsten Einwand gegen die ewige Wiederkunft: die eigene Verwandtschaft.
Dies ist der zweite Teil einer kleinen Serie zum diesjährigen Muttertag. Im ersten Teil schrieb Henry Holland über Franziska Nietzsches Leben mit besonderem Fokus auf ihre Zeit vor Nietzsche und ihre letzten Jahre.
„Fränzchen heißt sie Fränzchen heißt sie“
Über die frühen Jahre Franziska Nietzsches – und ihr umkämpftes Ende
„Fränzchen heißt sie Fränzchen heißt sie“
Über die frühen Jahre Franziska Nietzsches – und ihr umkämpftes Ende


Zum diesjährigen Muttertag widmen sich zwei unserer Stammautoren einer oft vergessenen Person aus dem Nietzscheversum, ohne die es den Philosophen jedoch nicht gegeben hätte: seiner Mutter Franziska Ernestine Rosaura Nietzsche, geborene Oehler. Die Pfarrerstochter erblickte am 2. Februar 1826 das Licht der Welt und starb am 20. April 1897, nur wenige Jahre vor ihrem Sohn, der zu diesem Zeitpunkt bereits so geistig umnachtet war, dass er ihren Tod womöglich gar nicht bemerkte. Wer war diese Frau? Inwiefern prägte und beeinflusste sie Friedrich Nietzsche?
Henry Holland berichtet in diesem ersten Teil unserer kleinen Reihe über ihr Leben und ihre Herkunft, während Natalie Schulte sich in dem folgenden vertieft dem Verhältnis zwischen ihr und ihrem Sohn widmen wird und der Frage, inwiefern es sein Bild von Frauen färbte.
Was waren die entscheidenden Faktoren, die Franziska Nietzsches Leben bestimmten? Wie gelang es ihr als Frau in einer zutiefst von patriarchalen Strukturen geprägten Lebenswelt, die nie einem bezahlten Beruf nachging, dennoch ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu behaupten? Wie verarbeitete sie den traumatischen frühen Tod ihres Mannes? Wie religiös war sie? Ein in der Forschung selten beachtetes autobiographisches Fragment, das sie kurz vor ihrem Tod verfasste, lässt ihr Leben in einem neuen Licht erscheinen.
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.
I. Im Streit um ein lukratives Erbe
Als Nietzsches „Mama“ endlich dazu kam, ihre Memoiren zu schreiben – sie begann damit exakt am 12. Mai 1895, „69 Jahre 3 Monate u 10 Tage alt“1 –, war sie eigentlich spät dran, denn die Interpretationsschlacht um ihren mittlerweile weltweit berühmten, doch geistig weitgehend abwesenden Sohn war schon längst entbrannt. Ihre Tochter Lieschen (Elisabeth-Förster Nietzsche) hatte den Streit mit der Publikation des ersten Bandes der Biographie ihres Bruders ins Rollen gebracht. Doch das war nur die erste Salve eines aus allen Rohren gefeuerten Sturmangriffs mit dem Ziel, das nicht unerhebliche symbolische und ökonomische Kapital an sich zu ziehen, das die Verfügungsgewalt über den Nachlass ihres Bruders versprach, die Lieschen ihrer Mutter zu entreißen und in die eigenen Hände zu bringen gedachte. In einem Brief, den Franziska über Pfingsten an ihren Neffen Adalbert Oehler, mit dem sie sich die Vormundschaft über Nietzsche teilte, schrieb, berichtet sie darüber, dass Lieschen gerade einen ganzen Brief voller unverblümter Verleumdungen über ihre vermeintlich schlechte Pflege ihres Sohnes an den Arzt der Familie, Gutjahr, geschrieben habe. Dieser sei angesichts „‚eine[r] solchen Sprache wie gelähmt gewesen‘“2 und habe beabsichtigt, Frau Förster-Nietzsche zu antworten, „daß bei etwaiger Wiederholung solcher Injurien sie mit dem Schöffengericht könne Bekanntschaft machen“ (ebd.). Während sie anerkennt, dass die Biographie „wunderhübsch geschrieben“3 sei, fühlt sie sich durch dieselbe nichtsdestotrotz tief verletzt: „Es ist zu traurig in seinem 70. Lebensjahr nach Lieschens Meinung auf ein verfehltes Leben zurückzublicken.“4 Schlimmer noch: Es schmerzt sie, dass ihre Tochter „ganz außerordentlich“ „fabelt“5 und dass sie, mit der Frage konfrontiert „‚wo aber [in dem Buch] die Mutter bliebe‘“ (ebd.) auf ihre moralische Überlegenheit bestanden habe, hätten sie beide doch „‚unsagbar gelitten einst durch seine Bücher’“6. Halt die Klappe, Mama, mit anderen Worten: Ich hab ebenso viel Recht jetzt mit all dem Leid Kasse zu machen wie du.
Lieschens Coup war nur die jüngste einer ganzen Reihe von Attacken im Rahmen eines lebhaften Streits um Nietzsches Erbe, der mal mehr, mal weniger öffentlich ausgetragen wurde – und dies mit der ganzen glamourösen Begeisterung eines nackten Wrestlingkampfs im Schlamm. Lou Andreas-Salomé, die später der ersten Generation von Psychoanalytikern angehören sollte und bereits zu den führenden Figuren des deutschen Geisteslebens zählte, hatte den ersten Aufschlag gemacht, als sie im Vorjahr ihr Buch Nietzsche in seinen Werken publiziert hatte. Franziska vermochte es letztendlich nicht, sich gegen rhetorisch derart bewanderte Mitstreiterinnen durchzusetzen. Die ignoranten und gemeinen verbalen Tiefschläge, die gegen sie ausgeteilt wurden – und zum Teil bis heute kolportiert werden – machten ihre Lage nicht leichter. Sue Prideaux’ in der meistgelesenen englischsprachigen Biographie der letzten Jahre, auf Deutsch erschienen als Ich bin Dynamit, kolportierte Behauptung, dass „Franziska kaum richtig lesen konnte“ (S. 461) ist beispielsweise unhaltbar. Man kratzt sich den Kopf, wie den Lektoren von Prideaux’ renommiertem Verleger Faber & Faber dieser grobe Schnitzer entgehen konnte: Franziskas Fragment von 1895, das nach etwa dreißig Seiten abbricht, beweist mehr lexikalisches und erzählerisches Können als es ein durchschnittlicher smartphonesüchtiger Millennial mit Universitätsabschluss jemals unter Beweis stellen wird. Es liest sich wie eine unterhaltsame und zugleich erbauliche autobiographische Erzählung, in der sie über ihre Kindheit als Pastorentocher berichtet und darüber, wie Carl Ludwig Nietzsche (1813–1849) – im Text einfach als „Ludwig“ bezeichnet – um sie warb und wie sie ihn heiratete, ehe sie abbricht, als die Frischvermählten aus den Flitterwochen zurückkehren, um ihren gemeinsamen Hausstand zu gründen. Ihr Neffe Adalbert weist zu Recht darauf hin, dass dieses Fragment, hätte sie es fertiggestellt und veröffentlicht, der Nachwelt ein gänzlich anderes Bild von Frau Nietzsche hinterlassen hätte:
Hätte die Mutter oder jemand aus ihrem Verwandten- und Freundeskreis damals eine zusammenhängende Lebensbeschreibung erscheinen lassen, die mit dem gleichen Temperament und der gleichen Anschaulichkeit zum Leser gesprochen hätte wie das verheißungsvolle Anfangskapitel, so würde die öffentliche Meinung ihr ohne weiteres einen Platz neben Frauen wie Goethes Mutter eingeräumt haben, deren urwüchsige Herzlichkeit sprichwörtlich geworden ist.7
Wenn historisch interessierte Menschen auf Franziskas Existenz aufmerksam werden, dann zunächst in ihrer Rolle als Mutter Nietzsches. Eine kleine Gruppe von Entdeckern wagt sich jedoch weiter vor und stellt die Frage nach der Lebenswelt und den Überzeugungen jener Person, auch unabhängig von den unintendierten Konsequenzen ihrer meistdiskutierten Tat: Einen Kerl auf die Welt zu bringen und aufzuziehen, der später die Geistesgeschichte in neue Bahnen lenken sollte.
Franziskas Erzählung hebt ganz klassisch an, indem sie die Berufe und gesellschaftliche Stellung ihrer Eltern und Großeltern aufzählt, um endlich mit den Halbwahrheiten und Lügen aufzuräumen, die Lieschens Buch in die Welt gesetzt hatte. Ihr Großvater väterlicherseits, „Webermeister Oehler“8, erreichte das gesegnete Alter von 84 Jahren. Entgegen Elisabeths mit heißer Nadel gestrickter Fabrikation,9 wurde Lieschens „Großpapa“10 (also der Sohn des Webers) nicht „in einem Waisenhaus erzogen“ (ebd.), nachdem ihre Urgroßeltern „im jugendlichen Alter[] von einer in Zeitz grassierenden Krankheit dahingerafft worden sind“ (ebd.). Dieses Missverständnis entstand dadurch, dass David Oehler während seiner Schulzeit, um sich ein paar Groschen dazuzuverdienen, als ein Weihnachtssänger tätig gewesen war; und Lieschen, ein begnadetes Talent im Fingieren, wenn ihr das reine Berichten der Tatsachen als zu beschwerlich erschien, zog die kühne Schlussfolgerung, dass nur Elternlosigkeit dieses Verhalten erklären könne.11 Die entscheidendere Frage, die sich jetzt, wo er nicht mehr für sich selbst sprechen konnte, stellte, war jedoch, wem Friedrichs Genie legitimerweise zugeschrieben werden konnte:
Lieschen will eben durchaus nicht den geringsten geistigen Einfluß meinerseits, eben „Oehlerschen“ dulden und alles nur dem „Nietzscheschen“ zuschreiben, und so bleibt nur das einzige, was sie mir nicht abstreiten kann, daß ich Fritz geboren habe.12
Heutzutage ist diese Methode unter säkular gesonnenen Interpreten in Verruf geraten, doch die Nietzsches sahen es als unvermeidlich an, die Vorfahren in den Blick zu nehmen, um Hinweise auf den eigenen individuellen Charakter zu erhalten – mithin als eine achtbare Obsession. Als er noch zurechnungsfähig war, hatte Friedrich beiläufig folgende Erinnerung notiert:
Man hat mich gelehrt, die Herkunft meines Blutes und Namens auf polnische Edelleute zurückzuführen, welche Niëtzky hießen […] : was von deutschem Blute in mir ist, rührt einzig von meiner Mutter, aus der Familie Oehler, und von der Mutter meines Vaters, aus der Familie Krause, her[.]13
Elisabeth zitiert diese Passage in ihrer Biographie von 1895. Es kommt ihrer Agenda entgegen, ihren vermarktbaren Bruder und sich selbst als Nachfahren polnischer Protestanten darzustellen, welche sich angesichts „unerträgliche[r] religiöse[r] Bedrückungen“14 gezwungen sahen, „ihre Heimat und ihren Adel“ (ebd.) aufzugeben – lieber als ihn zu einem Abkömmling des „Zeug-, Lein- und Wollenweber[s]“15 Oehler aus Zeitz im heutigen Sachsen-Anhalt zu erklären. Die Stadtarchive bezeichnen Franziskas Großvater als einen „Bürger“ (ebd.), der durch diesen Status vor der allerschlimmsten Armut jener Zeit gefeit war. Weitere Quellen belegen jedoch, dass seine Frau und er gerade noch dem unteren Rand der Bürgerschaft angehörten. Franziskas Vater sein Theologiestudium zu finanzieren, konnten sie sich nicht leisten. Es ist so wenig verwunderlich, dass Lieschen einen so ‚unstandesgemäßen‘ Urgroßvater jung sterben lässt und stattdessen lieber alles auf die Polenkarte setzt.

II. Franziska schlägt zurück
Im weiteren Laufe des Jahres 1895 wurde Franziska nicht müde, den außerordentlichen Fabeleien über ihre „polnische[] Herkunft, wovon ich weder von meinem Manne noch meiner Schwiegermutter etwas gehört habe“16 energisch zu widersprechen. Im Gegensatz zu den unzuverlässigen Angaben ihrer Tochter hält sich ihr eigener Bericht über ihr jüngeres Selbst, ihren Verehrer und späteren Gatten und die Orte, an denen sie beide aufwuchsen, an die Fakten. Diese werden freilich idealisiert und in einer Sprache ausgedrückt, die frömmer ist als die von einem dicken ländlichen Akzent gefärbte, die sie als Kind gesprochen haben dürfte. Ihre Eltern firmieren fast durchweg als „unser guter Vater“ und „die gute liebe Mutter“, werden kaum einfach nur als Mutter, Vater oder gar Papa bezeichnet. Sie war das sechste und damit das mittlere von elf Geschwistern – ihrer Einschätzung nach kein Nachteil:
[S]o unter fünf Brüdern als einziges Mädchen dazwischen aufzuwachsen, hat mir gewiß zu meiner guten Gesundheit verholfen, indem ich die tollsten Spiele u Belustigungen mitmachten mußte, wollte ich mich nicht ihrem Hohn aussetzen.17
Sie berichtet etwa von halsbrecherischen Schlittenfahrten.18 Diese Truppe von Lausebengeln machte zusammen das Pfarrhaus samt Nebengebäuden unsicher, in dem ihr Vater eine kleine Landwirtschaft betrieb, um sein karges Gehalt aufzubessern. Es befand sich auf einer kleinen Anhöhe, von der aus man Pobles überblicken konnte, einem Weiler von 130 Seelen, einstmals kurfürstlich-sächsisch, seit 1815 Teil der preußischen Provinz Sachsen, in der sich auch Zeitz, Röcken und Naumburg befanden. Diese Gemeindemitglieder grüßten ihren Landpastor einhellig, wenn Franziskas Vater sonntags nach getaner Arbeit, der Etikette folgend, die paar Schritte heimwärts feierlich alleine zurücklegte, seiner Familie voran. Wenn sich die Haustür dann hinter ihnen schloss, lockerte sich die soeben noch demonstrierte Frömmigkeit schnell auf: Franziska sah ihren Vater seinen langen schwarzen Talar abwerfen, um zu seiner Pfeife zu greifen und zuzuhören, was Franziskas Mutter – die man Wilhelmine nannte, obwohl sie mit erstem Vornamen Johanna hieß – über den Gottesdienst zu sagen hatte.19
In diesen Kindheitserinnerungen und in ihren zahlreichen ausführlichen Briefen, die sie während ihres Lebens verfasste, vertritt Franziska die Auffassung, dass ihre engste Familie den Kern dessen, was sie ist, definiert, so energisch, dass Franziska für sich darstellen zu wollen so sinnvoll erscheint wie in der Dämmerung nach seinem eigenen Schatten zu haschen. Diese Überzeugung gewinnt für sie sogar noch mehr an Gewicht nach der Geburt ihres ersten Sohnes am 15. Oktober 1844 – ziemlich genau ein Jahr, nachdem sie Ludwig geheiratet hatte. Zur großen Freude beider Eltern kam das Kind „unter dem Geläute der Glocken, die die Gemeinde zur Feier des Geburtstages […] Friedrich Wilhelms IV. riefen“20. Ihr Gatte war erzkonservativ und ein fanatischer Monarchist – da stand es gar nicht erst zur Debatte, dass das Neugeborene keinen anderen Namen als denjenigen des preußischen Königs tragen sollte, nachdem Gott ein so untrügliches weltliches Zeichen gegeben hatte.
Solche Omina tauchen in Franziskas Memoiren immer wieder auf, Reminiszenzen einer Erziehung und einer Geisteshaltung, die sich weniger gut in Schubladen stecken lässt, als es manchen Kommentatoren lieb ist. Auch wenn etwa Carol Diethe zu Recht Kritikern widerspricht, die Franziskas Religiosität für Nietzsches psychologische Auffälligkeit verantwortlich machen – „ob sie anders hätte handeln können“21 ist immer noch ein packendes psychologisch-philosophisches Rätsel –, verwechselt sie, worin diese Religiosität bestand. Ihr Vater und ihr Ehemann waren beide äußerst religiös, aber nur letzterer ein Anhänger des Pietismus.22 Klaus Goch jedenfalls sieht keinen Anhaltspunkt dafür, dass Franziska in einem pietistischen Haushalt aufwuchs. Er findet es im Gegenteil
erstaunlich, daß Franziska, wenn sie in ihren Erinnerungen den Vater und das Elternhaus beschreibt, kaum etwas erzählt von evangelisch-christlichen Andachtsritualen, von Gebeten, Gottesdienstbesuchen, geistlichen Übungen, wohl aber über Lese- und Gesangsstunden, Rezitationen und Theaterspiel berichtet, also all jene Freizeitbeschäftigungen, die kennzeichnend sind für eine bürgerlich-gebildete, offene, humanistische bestimmte Familienkultur.23
Und mehr noch: Franziskas Neffe Adalbert Oehler bezeugt, dass sein Großvater David kein Pietist gewesen war, sondern vielmehr ein Freimaurer. Dies sei die wahre Quelle seines Rationalismus.24 Sowohl pietistische als auch orthodoxe protestantische Kreise bekämpften die Freimaurerei entschieden, so dass es abstrus erscheint, davon auszugehen, dass sich David auf beiden Seiten dieser kulturellen Front bewegte.25
Die Freimaurer zu David Oehlers Lebzeiten kombinierten Rationalität mit Spekulation – „[e]s ist die Vermischung von Vernunft und Spiel, von Rationalität und der Suche nach dem Exotischen, die das Logenwesen [im Deutschland des 19. Jahrhunderts] so modern erscheinen läßt“26 –, so dass Franziskas Hang zur Wahrsagerei teilweise von ihrem Vater herrühren könnte – neben den Gleichaltrigen, mit denen sie aufwuchs. In der Zeit nämlich, als Ludwig noch um sie warb und sie regelmäßig mit seinen zwei Schwestern und seiner Mutter besuchen kam, und sich die Franziskas Eltern dazu entschlossen hatten, diese Besuche zu erwidern – natürlich ohne Franziska oder ihren Schwestern zu gestatten, sie zu den Nietzsches zu begleiten –, besuchten die Oehlers noch eine andere „auch mit 4 erwachsnen Töchtern gesegnete uns sehr bekannte Pastorenfamilie“27. In einem Gartenhäuschen, den Blicken der älteren Generation entzogen, legte eine dieser Töchter für die jungen Frauen Karten
u. als wir hinzutraten, meinte sie: „Ich will doch denen auch einmal die Karten schlagen“, im Tone als wie „zum Überfluß“. Doch welch Erstaunen, als sich bei mir alle Könige und wer weiß was, sich drehten u. unsre Prophetin erregt kund that, „was sich mit Fränzchen zunächst zuträgt wissen wir vielleicht alle nicht“[.]28
Man muss kein Tarotexperte sein, um zu erahnen, was bald darauf folgte: Heiratsantrag und Vermählung. Auf sie folgten wiederum, binnen nur etwas mehr als sechs Jahren, die Geburt von Franziskas drei Kindern, die letzten Züge der qualvollen Krankheit ihres Ehemanns, dessen Tod und der plötzliche Tod ihres Jüngsten, Joseph, im Alter von nur zwei Jahren im Januar 1850. Zu allem Überfluss sah sie sich von dem Moment an, als sie ins Röckener Pfarrhaus – nur eine einstündige Kutschenfahrt von ihrem Elternhaus entfernt – einzog, auch noch der psychologischen Grausamkeit ihrer resoluten Schwiegermutter Erdmuthe (1778–1856) und Ludwigs erwähnten Schwestern Rosalie (1811–1867) und Auguste (1815–1855) ausgesetzt, die sich ihrer jungen Schwägerin gegenüber überlegen dünkten. Franziska „wurde […] ein rückseitiges gelegenes Wohnzimmer und zwei Schlafräume zugewiesen, während ihre alles beherrschende Schwiegermutter, Erdmuthe Nietzsche (1778–1856), in den sonnigen Räumen im Erdgeschoß das Regiment führte.“29 Durch seine Unfähigkeit, seiner Mutter zu widersprechen oder auch nur den geringsten offenen häuslichen Konflikt zu ertragen, trug Ludwig seinen Teil zu dieser grausamen Behandlung bei. Gemäß der strengen Rangordnung, an die man sich zu halten hatte, wäre es, wie Carol Diethe zu Recht bemerkt, an Ludwig gewesen, darauf zu bestehen, dass „ihr, als Ehefrau des Amtsinhabers, die vorderen Räume des Pfarrhauses zugestanden“30 hätten. Wie so viele Menschen in ihrem Umfeld, ließ auch er sie in ethischer Hinsicht im Stich, indem er darin versagte, sich empathisch in ihr Schicksal einzumischen.

III. Eine entsetzliche Liebesehe
Ein wenig wie subtile Hinweise in den Eröffnungsszenen klassischer Horrorfilme, streuen Franziskas Erinnerungen den Lesern Brotkrumen aus, denen folgend sie den Schmerz und die Aufregung erahnen können, die Franziska später ereilen sollten. In einem Gespräch vor ihrer Ehe erzählte Ludwigs ältere Schwester Rosalie, „welche äußerst reizbar war“31, Fränzchen
daß auf den [sic] Pfarrboden ihres Bruders, eine ganz hübsche Aussicht sein solle, sie könne dieselbe aber ihrer Nerven halber nicht genießen. Dieses Wort „Nerven“ hatte ich noch nie gehört […]. Als aber unsere Gäste fort waren, erzählte ich Mutterchen das Gespräch mit Frln. Nietzsche u. frug „was das eigentlich wäre „Nerven.“32
Fränzchen bekommt eine ganze Ladung von ihnen Anfang 1846 ab, als Ludwig, als er gerade die Liturgie versieht, eine heftige Heulattacke übermannt, anscheinend eine nervöse Reaktion auf ein unangenehmes Gespräch mit einem Gemeindemitglied im Vorfeld des Gottesdiensts.33 Die Rolle, die Nerven beim späteren Zusammenbruch und schließlich der tödlichen Krankheit ihres Sohnes spielten, war schon der Stoff von Hunderten von Aufsätzen und Büchern – und wird es auch künftig bleiben. Es mutet unseren heutigen Ohren vielleicht ein wenig kurios an, aber „Nerven“ bot sich den Protagonisten von damals als naheliegendes Konzept an, um über die Psyche nachzudenken.
Ein anderer Vorfall, der nichts Gutes verheißen ließ, ereignete sich, als die Frischvermählten direkt nach der Hochzeit zurück nach Röcken gefahren wurden, wo sie der örtliche Schulmeister und seine Schützlinge erwarteten, um ihnen ein Ständchen darzubringen, und ihnen Geschenke der drei Gemeinden übergeben wurden, aus denen sich Ludwigs Pfarramt zusammensetzte: „2 Dz. silberne Esslöffel“34 und vieles Nützliche mehr. Wie es die Etikette verlangte, widmete ihnen Ludwig daraufhin eine Dankesrede von der Schwelle der Tür seines Pfarrhauses aus,
wollte aber auch daß dabei sein Frauchen neben ihn in die einige Stufen erhöhte Hausthür trat. Mit par force öffnete er dafür die sonst nie offene u. wahrscheinlich verquollene andere Hälfte der Flügeltür, wobei das ganze untere Fach ausbrach; ich kann mich aber nicht erinnern, daß es von uns Glücklichen als ein böses Omen angesehen worden wäre u. doch könnte man es, den späteren traurigen Erfahrungen nach wenn man überhaupt abergläubisch wäre.35
Trotz ihres vorsichtigen Gebrauchs des Konjunktivs ist dieser Vorfall für Franziska wichtig genug, um sich seiner ein halbes Jahrhundert später noch zu erinnern, als sie ihre Lebensgeschichte schreibt.
Nachdem sie zur Witwe geworden war, zog sie mit ihren Kindern, ihrer Schwiegermutter und ihren Schwägerinnen 1849 ins nahe Naumburg, das größer war als Röcken, aber dennoch eine recht kleine Stadt.36 Diese Entscheidung geht auf Erdmuthe zurück, die in dieser Gemeinde einige Jahrzehnte vorher aufgewachsen war. Allerdings hatte sich seitdem einiges getan, denn die Erweckungsbewegung, in dieser Zeit einfach nur „die Erweckung“ genannt, die damals durch die protestantischen Teile Deutschlands fegte, hatte auch vor dem verschlafenen Provinznest nicht Halt gemacht. Man erklärte sich öffentlich für „wiedergeboren“ und bereute seine vergangenen Sünden.37 Erdmuthe hatte diese Inbrunst nicht gutgeheißen, als ihr Sohn derartige Anwandlungen an den Tag gelegt hatte. Sie empfand sie als Bedrohung der sozialen Hierarchie und der Verhaltensregeln, die ihr so teuer waren, und Ludwig hatte aus Rücksicht darauf seine entsprechenden Sympathien weitgehend verheimlicht. Erdmuthe gab gleichermaßen ihr Bestes, auch Franziska von dieser Bewegung fernzuhalten.
IV. Eine grausame Vorhersehung?
Aber auch, wenn ihre unmittelbare Umgebung dem Aberglauben und allzu emotionalen religiösen Regungen feindselig gegenüberstand, ließ es sich Franziska nicht nehmen, insgeheim mit ihrem gerade verstorbenen Gatten zu kommunizieren, überzeugt davon, dass er sie hören konnte. In einer acht Tage nach seiner Beerdigung verfassten Tagebuchnotiz erzählt sie ihm, dass dieser Anlass, bei welchem „Du mein lieber fürwahr seliger Ludwig durch so viele Zeugen der Liebe und Achtung so geehrt wurdest“38 „unser [sic] tiefbetrübten Herzen wohlgethan“ (ebd.) habe. Darüber hinaus beschwört sie Ludwig:
[B]itte […] doch den lieben Gott auch in meinem Nahmen [sic] daß er Dich den guten Engel sein lasse, der mich mit meinen [sic] ganzen Leben leite und führe damit wir unsere drei Kinder fortan in Gemeinschaft erziehen, zu des lieben Gottes Ehren.39
Auch in unseren eigenen Leben geschehen solche schrecklichen Dinge und in denen derer, die wir lieben, und wir hoffen, dass diejenigen, die uns nahestehen, durch und nach diesen Tragödien wachsen werden – dass sie sich entwickeln. Wenn es für eine Frau aus einer Mittelschicht in jener Zeit der naheliegendste Weg war, um mehr Unabhängigkeit und einen besseren finanziellen Status zu erreichen, warum entschied sich Franziska nicht dafür, sich auf dem Wege einer zweiten Ehe weiterzuentwickeln? Sie war noch immer sehr jung, ungewöhnlich attraktiv – wie zeitgenössische Porträts von ihr belegen – und nicht ungebildet. Anscheinend fühlte sie sich durch all diese Geschehnisse so niedergeschlagen und existentiell bedroht durch die Aussicht, ihre Kinder alleine großzuziehen und nur von ihrer spärlichen Witwenrente leben zu können, dass sie sich für die Sicherheit eines repressiven, aber finanziell angemessen ausgestatteten gemeinsamen Haushalts mit ihrer Schwiegermutter entschied, anstatt einen Ausbruchsversuch in die Freiheit zu wagen.
Angesichts der Tatsache, dass sie dieses Opfer als die einzig richtige Option angesehen haben wird, muss es sich bitter angefühlt haben, von dem Ausmaß der Verachtung und Zurückweisung zu erfahren, die ihr ihre Kinder am Ende ihres Lebens entgegenbrachten; vor allem Elisabeths erbarmungslose und sture Distanzierung.41 In dem verstörenden Brief von 1895 an Dr. Gutjahr nennt Elisabeth ihre Mutter eine
Frau ohne Charakter, die ihre Kinder nicht wirklich liebte und von ihnen auch nicht geliebt wurde, denn es war auch nichts Wahres an ihr, alles nur Schauspielerei für andere Leute berechnet. Das hat uns grenzenlosen Kummer bereitet, zum Beispiel unserer Mutter Christentum, was für eine jämmerliche Tuerei und Spiegelfechterei, Augen-Aufschlagen etc. etc. und da wundert man sich, daß Fritz zum Antichrist geworden ist[.]42
Auch wenn sie dem massiven Druck, der auf sie ausgeübt wurde, anfangs widerstand, überschreibt Franziska Ende 1895 „das Nietzsche-Archiv mit allen, auch seinen Naumannschen Honoraren“43 an Elisabeth gegen eine Pauschale von 30.000 Mark zuzüglich einer jährlichen Rente von 1.600 Mark, die ihr für die Pflege des „guten Fritz“44 ausbezahlt werden sollte.

V. Franziskas Tod
Die etwa sechzehn Monate, die ihr noch blieben, brachten Franziska etwas Ruhe und Frieden. Im März 1896 schreibt sie an Franz Overbeck – Professor der Theologie und enger Freund Nietzsches, seitdem sie in den frühen 70er Jahren im selben Haus gewohnt hatten – und versorgt ihren Korrespondenten mit dem neusten Naumburger Klatsch und Tratsch. Während sie schreibt, liegt ihr Sohn schlafend neben ihr auf dem Sofa. Die Garstigkeit zwischen ihr und ihrer Tochter scheint bis zu einem gewissen Grad verflogen zu sein: „Lieschen“ geht nun ganz darin auf, die Renovierung der Villa Silberblick, ein etwas überdimensioniertes Herrenhaus im Süden Weimars, zu überwachen, das Nietzsches adlige Gönnerin Meta von Salis-Marschlins erworben hatte, um das Nietzsche-Archiv hierher zu verlegen. Der Kaufpreis von 39.000 Mark – kombiniert mit dem absehbaren Wert von Nietzsches Nachlass – lassen Franziskas kurz zuvor herausgehandelte Rente karg erscheinen.45 Noch in dieser späten Phase konzentriert sich ihr Bericht darauf, was andere tun und was sie über ihr Verhalten und ihre Pflege Friedrichs sagen. Es ist für sie von eminenter Bedeutung, sie als gute Pflege darzustellen – was sie auch ohne jeden Zweifel war, jedenfalls deutlich besser als diejenige, die Nietzsche erhalten hätte, wenn er in den psychiatrischen Kliniken geblieben wäre, in denen er während der ersten Phase seiner schweren geistigen Erkrankung untergebracht war. Gegenüber Overbeck erinnert sie sich an einen ihr aus zweiter Hand berichteten Kommentar des Psychiaters Otto Binswanger, der Nietzsches frühe institutionelle Behandlung überwacht und ihnen kürzlich einen Besuch abgestattet hatte. Binswanger soll bemerkt haben, dass „‚die Liebe der Mutter […] bei Professor Nietzsche der Krankheit die Spitze abgebrochen hat‘“46 hat.
Franziska Nietzsches eigene Gesundheit verschlechterte sich schlagartig ab Weihnachten 1896 und sie verstarb schmerzhaft an Krebs im April des folgenden Jahres. Nicht mehr in der Lage, sich um ihren Sohn in dieser Welt zu kümmern, musste sie nicht lange warten, bis er, ihrer Ansicht nach, im Himmel wieder zu ihr stieß – wie kitschig das auch klingen mag. Ihre Widersprüche und ihr Unbehagen teilte sie mit zahlreichen Frauen ihres Jahrhunderts: Wie konnten sie gemäß ihren eigenen Vorstellungen leben, arbeiten und einfach nur existieren? Fragen, die Franziska an eine Anekdote aus ihrer Jugend erinnerten. Sie handelt davon, wie Ludwig Nietzsche sie eigentlich kennenlernte. Der „hübsche[] junge[] Herr[] Pastor“47 stattet seinen Antrittsbesuch bei den Oehlers in Begleitung ihres Paten „Herr Pstr. Hochheim aus Starsiedel“48 ab. Auf dem Rückweg fragt Pastor Nietzsche den „lieben alten Junggesellen“ (ebd.): „[W]ie heißt denn nun die jüngste Tochter von Herrn Pastr. Oehler?“49 Das versetzt den „für sich sehr zerstreuten“ (ebd.) alten Geistlichen in Aufregung, „er quält sich, dabei immer ausrufend ‚S’ist ja mein Pathchen u. kann nicht auf den Namen kommen‘“ (ebd.). Sie „reden dann von ganz anderen Dingen, als er plötzlich ausruft: ‚Fränzchen heißt sie Fränzchen heißt sie‘“ (ebd.).
Das Artikelbild stammt von der Zwickauer Künstlerin Christina Stephan – die uns zu dieser kleinen Serie erst inspirierte. Erfahren Sie mehr zu ihr und ihrer Kunst auf ihrer Internetseite. Die Zeichnung zeigt die junge Franziska als „Tochter und Schwester in Pobles“ mit ihren Geschwistern – deren Gesichter wir nicht kennen – und ihren Eltern. Ihre Mutter Johanna war auf einem Auge blind.
Bibliographie
Bohley, Reiner: Nietzsches christliche Erziehung. In: Nietzsche-Studien 16 (1987), S. 164–196.
Diethe, Carol: Vergiss die Peitsche. Nietzsche und die Frauen, übers. v. Michael Haupt. Europa: 2000.
Förster-Nietzsche, Elisabeth: Das Leben Friedrich Nietzsche’s, Bd. 1. C. G. Naumann: 1895.
Förster-Nietzsche, Elisabeth: Der junge Nietzsche. C. G. Naumann: 1912.
Goch, Klaus: Franziska Nietzsche. Ein biographisches Porträt. Insel: 1994.
Hoffmann, Stefan-Ludwig: Die Politik der Geselligkeit. Freimaurerlogen in der deutschen Bürgergesellschaft 1840-1918. Vandenhoeck & Ruprecht: 2000.
Kloes, Andrew: The German Awakening. Protestant Renewal after the Enlightenment, 1815–1848. Oxford University Press: 2019.
Nietzsche, Franziska: [Autobiographische Erinnerung]. Unveröffentliches Manuskript, GSA 100/851, Goethe- und Schiller-Archiv, Weimar. 36 S. (manche davon lose Blätter). Kommentiertes Transkript in: Klaus Goch, Franziska Nietzsche. Ein biographisches Porträt. Insel: 1994, S. 32–64.
Nietzsche, Franziska: Der entmündigte Philosoph. Briefe von Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler, hg. v. Gernot U. Gabel & Carl Helmuth Jagenberg. Gabel: 1994.
Nietzsche, Franziska: Der kranke Nietzsche. Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck. Bermann-Fischer: 1937.
Oehler, Adalbert: Nietzsches Mutter. Beck: 1940.
Peters, H.: Zarathustras Schwester, übers. v. H. Peters. Kindler: 1983.
Prideaux, Sue: Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche, übers. v. Thomas Pfeiffer & Hans-Peter Remmler. Klett-Cotta: 2020.
Schaberg, William H.: The Nietzsche Canon. A Publication History and Bibliography. University of Chicago Press: 1995.
Schenkel, Gotthilf: Die Freimauerei im Lichte der Religions- und Kirchengeschichte. Klotz: 1924.
Stadt Naumburg (Saale): Einwohnerzahlen der Stadt. Statistikportal der Stadt Naumburg (Saale): undatiert [2025], https://www.stadt-naumburg.de/Stat/Einwohner.html.
Stern, Fritz: The Trouble with Publishers. In: London Review of Books 18 (1996), https://www.lrb.co.uk/the-paper/v18/n18/fritz-stern/the-trouble-with-publishers.
Fußnoten
1: Franziskas handschriftliches Manuskript mit autobiographischen Erinnerungen, GSA 100/851, im Goethe-Schiller-Archive, Weimar (insgesamt 36 Seiten, manche davon lose Blätter). Eine mit Anmerkungen versehen Transkription dieses Manuskript ist enthalten in Klaus Goch, Franziska Nietzsche, S. 32–64. Im Folgenden zitiere ich aus diesem Manuskript gemäß dieser Transkription, in diesem Fall: GSA 100/851, in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 32.
2: Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler am 8. Juni 1895. In: Briefe von Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler, S. 31.
3: Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler am 23. & 24. Juni 1895. In: Ebd., S. 34.
4: Ebd., S. 33.
5: Ebd., S. 34.
6: Ebd. Wortlaut im Original: „unsagbar gelitten eins doch seine Bücher“.
7: Adalbert Oehler, Nietzsches Mutter, S. 49 f.
8: Franziska Nietzsche, GSA 100/851, in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 32.
9: Vgl. Goch, Franziska Nietzsche, S. 354.
10: Elisabeth Förster-Nietzsche, Das Leben Friedrich Nietzsche's, S. 13.
11: Vgl. Franziska Nietzsche, GSA 100/851, in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 34.
12: Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler im Oktober 1895, zit. n. Goch, Franziska Nietzsche, S. 30.
13: Nachgelassene Fragmente Nr. 1882 21[2]. 2024 schrieb Paul Stephan für Nietzsche POParts über Nietzsches ‚Polen-Komplex‘.
14: Selbes Fragment wie in Fn. 13. Elisabeth zitiert es in Das Leben Friedrich Nietzsche’s, S. 10 f.
15: Goch, Franziska Nietzsche, S. 73.
16: Franziska Nietzsche an Adalbert Oehler im Oktober 1895, zit. n. Goch, Franziska Nietzsche, S. 353.
17: Franziska Nietzsche, GSA 100/851, in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 35.
18: Vgl. ebd., S. 35 f.
19: Vgl. Goch, Franziska Nietzsche, S. 83.
20: Elisabeth Förster-Nietzsche, Der junge Nietzsche, S. 14, zit. n. Goch, Franziska Nietzsche, S. 129.
21: Diethe, Vergiss die Peitsche, S. 9.
22: Diethes Behauptung, nicht nur Franziskas Gatte, sondern auch ihr Vater seien pietistisch gewesen (vgl. ebd.), überzeugt nicht. Reiner Bohley geht einen Schritt weiter und zeigt, dass auch Carl Ludwig kein Pietist gewesen sei, sondern sich der Erweckungsbewegung angeschlossen habe: seiner Ansicht nach zwei Paar Stiefel (vgl. Bohley, Nietzsches christliche Erziehung, S. 171).
23: Goch, Franziska Nietzsche, S. 76.
24: Vgl. Adalbert Oehler, „Erinnerungen meines Lebens“ [unveröffentlichtes Manuskript], zit. n.: Goch, Franziska Nietzsche, S. 78 f. und Endnoten 97 f. in ebd., S. 361 f.
25: Vgl. Gotthilf Schenkel, Die Freimaurerei im Lichte der Religions- und Kirchengeschichte, S. 34, zit. n. Goch, Franziska Nietzsche, S. 361 f.
26: Stefan-Ludwig Hoffmann, Die Politik der Geselligkeit, S. 36 f.
27: Franziska Nietzsche, GSA 100/851, in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 51.
28: Ebd.
29: Carol Diethe, Vergiss die Peitsche, S. 18.
30: Ebd., S. 23.
31: Franziska Nietzsche, GSA 100/851 in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 54.
32: Ebd.
33: Vgl. Ludwigs Brief an Emil Julius Schenk v. 21. Januar 1846, zit. n. Reiner Bohley, Nietzsches christliche Erziehung, S. 177.
34: Franziska Nietzsche, GSA 100/851, in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 61.
35: Ebd., S. 61 f.
36: Vgl. die Einwohnerzahlen in Stadt Naumburg (Saale), Einwohnerzahlen der Stadt.
37: Für zwei unterschiedliche Darstellungen dieser Bewegung vgl. Prideaux, Ich bin Dynamit, S. 27 und Kloes, The German Awakening. Friedrich Kantzenbachs in den 1950ern publizierte Forschungen paraphrasierend, weist Kloes darauf hin, dass, die Erweckung und der Pietismus, auch wenn sie viele Gemeinsamkeiten aufwiesen, „zwei Bewegungen“ (S. 16; Übers. PS) mit „grundsätzlich unterschiedlichen Orientierungen“ (ebd.) gewesen seien: „Im Kontext des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts war der Pietismus eine primär kirchenimmanente Bewegung, die sich an diejenigen richtete, die bereits Christen waren. […] Die Erweckung hingegen verhielt sich ‚antithetisch gegenüber Aufklärung und Idealismus‘ und orientierte sich nach außen in ihren Bestrebungen, den fremden Einflüssen zu widerstehen, die ihres Erachtens in die Kirche gekommen seien“ (ebd.).
38: Franziska Nietzsche, Tagebucheintrag ca. vom August 1849, GSA 100/849, zit. n. Goch, Franziska Nietzsche, S. 150.
39: Ebd., S. 151.
40: Franziska Nietzsche, Tagebucheintrag ca. vom Januar 1850, GSA 100/849, zit. n. Goch, Franziska Nietzsche, S. 152.
41: Nietzsches boshafte Invektive gegen Mutter und Schwester in Ecce homo, Warum ich so weise bin, Abs. 3, geschrieben nur wenige Wochen vor seinem Zusammenbruch, hat es nicht minder in sich. Es ist eine glückliche Fügung, dass Franziska sie vermutlich nie zu Gesicht bekam (auch wenn das nicht ausgeschlossen werden kann, befand sich Nietzsches gesamtes Nachlass doch bis 1896 in ihrem Haus): „Wenn ich den tiefsten Gegensatz zu mir suche, die unausrechenbare Gemeinheit der Instinkte, so finde ich immer meine Mutter und Schwester, – mit solcher canaille mich verwandt zu glauben wäre eine Lästerung auf meine Göttlichkeit.“ Ecce homo wurde allerdings erst 1908 veröffentlicht, und auch nur in einer von seiner Schwester redigierten und zensierten Form. Eine zuverlässige Fassung des Textes erschien erst 1969, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe.
42: Elisabeth Förster-Nietzsches Brief an Dr. Gutjahr, Hausarzt von Franziska Nietzsche, von 1895. Zit. n. Goch, Franziska Nietzsche, S. 13 (von H. Peters, Zarathustras Schwester, S. 202).
43: Franziska Nietzsche in Naumburg an Franz Overbeck am 26. Dezember 1895, in: Franziska Nietzsche, Der kranke Nietzsche. Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck, S. 193. Der Drucker C. G. Naumann aus Leipzig wurde um 1886 Nietzsches Hauptverleger, ein Status, der ihm auch einen Anteil an den Rechten der Werke sicherte, die erschienen, nachdem Nietzsche nach seinem Zusammenbruch 1889 das Urheberrecht an seinen eigenen Werken verloren hatte. Für mehr über die Ökonomie der Nietzsche-Ausgaben vgl. William H. Schaberg, The Nietzsche Canon und die gründliche Rezension desselben Werkes von Fritz Stern (The Trouble with Publishers).
44: Brief wie in Fn. 43, S. 194.
45: Vgl. Prideaux, Ich bin Dynamit, S. 461.
46: Franziska Nietzsche in Naumburg an Franz Overbeck am 27. März 1896, in: Briefe seiner Mutter an Franz Overbeck, S. 198.
47: Franziska Nietzsche, GSA 100/851, in: Goch, Franziska Nietzsche, S. 50.
48: Ebd., S. 49.
49: Ebd., S. 50.
„Fränzchen heißt sie Fränzchen heißt sie“
Über die frühen Jahre Franziska Nietzsches – und ihr umkämpftes Ende
Zum diesjährigen Muttertag widmen sich zwei unserer Stammautoren einer oft vergessenen Person aus dem Nietzscheversum, ohne die es den Philosophen jedoch nicht gegeben hätte: seiner Mutter Franziska Ernestine Rosaura Nietzsche, geborene Oehler. Die Pfarrerstochter erblickte am 2. Februar 1826 das Licht der Welt und starb am 20. April 1897, nur wenige Jahre vor ihrem Sohn, der zu diesem Zeitpunkt bereits so geistig umnachtet war, dass er ihren Tod womöglich gar nicht bemerkte. Wer war diese Frau? Inwiefern prägte und beeinflusste sie Friedrich Nietzsche?
Henry Holland berichtet in diesem ersten Teil unserer kleinen Reihe über ihr Leben und ihre Herkunft, während Natalie Schulte sich in dem folgenden vertieft dem Verhältnis zwischen ihr und ihrem Sohn widmen wird und der Frage, inwiefern es sein Bild von Frauen färbte.
Was waren die entscheidenden Faktoren, die Franziska Nietzsches Leben bestimmten? Wie gelang es ihr als Frau in einer zutiefst von patriarchalen Strukturen geprägten Lebenswelt, die nie einem bezahlten Beruf nachging, dennoch ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu behaupten? Wie verarbeitete sie den traumatischen frühen Tod ihres Mannes? Wie religiös war sie? Ein in der Forschung selten beachtetes autobiographisches Fragment, das sie kurz vor ihrem Tod verfasste, lässt ihr Leben in einem neuen Licht erscheinen.
Aus dem Englischen übersetzt von Paul Stephan.
„Thatsachen“ und eine verdammt gute Interpretation
Nietzsche als Solostück in Halle an der Saale
„Thatsachen“ und eine verdammt gute Interpretation
Nietzsche als Solostück in Halle an der Saale


Die Schauspielerin Andrea Ummenberger bringt derzeit in Halle Nietzsche mit einem Solotheaterstück auf die Bühne. In einem fesselnden Theaterabend kann das Publikum den Denker so erleben wie er, zumindest in der Interpretation des österreichischen Schriftstellers Alexander Widner, womöglich während seiner letzten Jahre war: Nicht unbedingt geistig umnachtet, sondern eher wahnsinnig und im Dauerkonflikt mit seiner Schwester, seiner Mutter – und nicht zuletzt seinem Heimatland. Ein selbsterklärter Narr, der gegen die engen Fesseln der deutschen Kleingeistigkeit rebelliert und vom Süden und einer befreiten Sinnlichkeit träumt. Ummenberger zeigt uns so einen Nietzsche, der uns noch heute etwas zu sagen hat; keinen genialischen Heroen, sondern eher einen Antihelden, der aber wichtige Fragen stellt.

Im gediegenen Christian-Wolff-Saal des Stadtmuseums Halle, zwischen Gemälden aus dem 18. Jahrhundert und ebenso alten Möbeln, steht auf dem Parkett eine dominante Chaiselongue. Darauf, in Decken eingehüllt, zusammengekauert, eine androgyne Person mit markant-fussligem Schnauzbart, die sogleich den Raum elektrisiert mit ihrem ersten Ausruf: „Schauen Sie nicht so besorgt! Die besorgten Gesichter sind es, die mich krank machen.“ Eine klare Ansage: Hier möchte niemand christlich bemitleidet werden, sondern tragödienhaft bewundert ... Es erhebt sich, im Nachthemd und mit wirrem Blick: Friedrich Nietzsche. Und geht auf die Reihen der Zuschauenden zu. Bittet „Peter Gast“ aus dem Publikum, ihm die Flasche Wein aus dem Schrank zu holen, seine Schmerzen seien zu groß. Er bittet später auch, ihm den Rücken zu kratzen: „Nicht so zaghaft – oder sind Sie ein Klosterschüler?“ Und zerreißt unter dem Ausruf „Ich vernichte alle Altäre!“ ein Bild von Wagner, wirft Papier als „Hirnmeterware“ ins Publikum.
Ja, wer bei diesem Stück vorne sitzt, bekommt den Nietzsche der 1890er Jahre hautnah mit, keineswegs umnachtet, eher zwischen Wahnsinn und aufbäumendem, stürmendem und drängendem Genie, unterdrückt durch Schwester und Mutter in Naumburg1. Dieses Narrativ erzählt das Theaterstück Nietzsche oder Das deutsche Elend des Österreichers Alexander Widner, in Halle an der Saale hingebungsvoll auf die Bühne gebracht von Solo-Theater-Künstlerin Andrea Ummenberger.
Es erzählt eine fiktive Episode, in der Lou Salomé (die in Wirklichkeit Nietzsche nach deren intensiver gemeinsamer Zeit 1882 nicht mehr persönlich traf) zu Besuch ist im „Totenhaus“, wie Nietzsche den Ort seiner schwesterlichen Pflege im Stück nennt. Lou versucht, den an seine Gesundung im sonnigen Süden glaubenden, wenngleich körperlich und geistig schwerst beeinträchtigten Nietzsche zu einer erneuten Reise nach Italien zu animieren. Sowohl Lou als auch er selbst schwanken zwischen Motivation und Zweifel – Nietzsche verkörpert einmal mehr genau die von ihm vernichtend kritisierten Eigenschaften simultan in seinem Handeln, zum Beispiel:
Man sollte nur in Ländern leben, in denen der Knoblauch geschätzt wird! Knoblauchfeindliche Länder sind sinnenfeindliche Länder! Da schreibt man; statt seine Sinne zu pflegen und zu verwöhnen. Da schreibt man sich die Finger wund, da denkt man sich die Ganglien krumm, da schüttet man sein Herz aus – statt es zu füllen. In den Süden! In den Süden! In eine papierlose Gegend!

Nietzsche, der poetische Philosoph der Uneindeutigkeit, ein Apologet von Aussagen wie: „Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen.“2 Er wird in diesem Stück in vielinterpretierbaren Facetten dargestellt, vorneweg auch von seiner linken, deutschland- und staatskritischen Seite. Insofern ist die Wahl des Stückes von Alexander Widner, welches die Kritik an der deutschen Nation im Titel trägt, sicher eine gute – gerade in den aktuellen Zeiten, in denen eine nationalistische Partei im Bundesland der Aufführung laut Umfragen bei 40 % liegt.
Alexander Widner stellt Nietzsche dar als Kritiker sämtlicher „überirdischer“ Instanzen, von Staat über Kirche bis zum Geist selbst, als Philosophen des Leibes, der die Kraft von Natur und Instinkt hochhält. Er lässt ihn rufen, in Anlehnung an den Zarathustra3: „Körper sind wir, Körper, nicht Geist! […] Erde sind wir! Erde! Erde! […] Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“
Aktueller denn je: Damals waren es die christlichen Priester, die mit dem überirdischen Gott falsche Hoffnung schüren wollten, heute sind es die Tech-Milliardäre, die auf anderen Wegen Untreue zur Erde predigen: Hoffnung auf extraterrestrische Kolonien im All, Hoffnung auf Unsterblichkeit durch Gentechnik und Nanochips, Hoffnung auf Entkörperlichung durch digitale Alter Egos. Dem lässt sich auch mit Nietzsche hier entgegenstellen, die Erde im Sinne der Umwelt zu achten und nicht grenzenloses Wachstum auf einem begrenzten Planeten anzustreben.

Doch mehr noch als diese ernsten Subtexte ist das Stück auch eine Ode an den „tanzenden und lachenden Gott“, denn Andrea Ummenberger versteht es, in all ihren Stücken mit subtilem oder direktem Humor die Zuschauenden zum Lachen und Schmunzeln anzuregen und daher – wie von Nietzsche sicher gutgeheißen – die Affekte anstelle der Ganglien anzukurbeln. So hat sie sich in Halle schon eine gewisse Fangemeinde gesichert. Gute Bedingungen, sich als nächsten Schritt nun der komplexen Materie Nietzsche als „One-Woman-Show“ anzunehmen und erfrischend, den „peitschenden“ Friedrich mal im Körper einer Frau auf der Bühne zu sehen – zugleich eine Anerkennung dessen, dass der Geist (und die Philosophie) bei aller Kritik daran eben das ist, was übergeschlechtlich und damit auch verbindend ist.
Angesichts von so viel Mut und Engagement dürfen kleinere technische Fauxpas gerne übersehen werden und die Hoffnung ausgesprochen, dass dieses Stück, mit Ummenberger als Nietzsche, noch viele Zuschauende finden, vielleicht auf die Bühnen vieler Städte reisen wird und die hervorragende Schauspielerin sich womöglich sogar bei künftigen Aufführungen noch ein paar mehr Leute auf oder hinter der Bühne leisten können wird.
Wer den „alten“ Nietzsche in seinem natürlichen Habitat „auferstehend“ erLEBEN möchte, sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihn so nah an seiner vorletzten Wirkstätte und so authentisch in Szene gesetzt zu sehen, zu hören und zu fühlen. In Halle wird das Stück noch bis zum 30. Mai gespielt.
Mandus Craiss (geb. 1983) ist in Ludwigsburg aufgewachsen und hat Politikwissenschaft, Kulturwissenschaften, Philosophie, Neue Geschichte und Geographie in Tübingen und Leipzig studiert. Er ist in der ökologischen und altermondialistischen Bewegung sozialisiert und in diesem Kontext viel gereist, zu einem großen Teil per Anhalter. Als zentraler Redakteur der früheren BUNDjugend-Zeitschrift Kritische Masse hat er auch Artikel und Interviews zu politischer Philosophie von Fromm bis Foucault veröffentlicht. Seine Magisterarbeit behandelt die Werke von Deleuze & Guattari in Bezug auf das bedingungslose Grundeinkommen. Er lebt mit seinem Sohn in einer Hausgemeinschaft am Rande von Leipzig.
Das Artikelbild wurde von Juliane Apel fotografiert.
Fußnoten
1: Widner lässt das Stück um 1896/97 spielen, verortet Nietzsche allerdings fälschlicherweise nach Jena, wo er sich 1889/90 in einer psychiatrischen Klinik befand.
2: Nachgelassene Fragmente Nr. 1886 7[20].
3: Vgl. Vorrede, 3.
„Thatsachen“ und eine verdammt gute Interpretation
Nietzsche als Solostück in Halle an der Saale
Die Schauspielerin Andrea Ummenberger bringt derzeit in Halle Nietzsche mit einem Solotheaterstück auf die Bühne. In einem fesselnden Theaterabend kann das Publikum den Denker so erleben wie er, zumindest in der Interpretation des österreichischen Schriftstellers Alexander Widner, womöglich während seiner letzten Jahre war: Nicht unbedingt geistig umnachtet, sondern eher wahnsinnig und im Dauerkonflikt mit seiner Schwester, seiner Mutter – und nicht zuletzt seinem Heimatland. Ein selbsterklärter Narr, der gegen die engen Fesseln der deutschen Kleingeistigkeit rebelliert und vom Süden und einer befreiten Sinnlichkeit träumt. Ummenberger zeigt uns so einen Nietzsche, der uns noch heute etwas zu sagen hat; keinen genialischen Heroen, sondern eher einen Antihelden, der aber wichtige Fragen stellt.
Nietzsche als Populist?
Versuch einer anachronistischen Verhältnisbestimmung
Nietzsche als Populist?
Versuch einer anachronistischen Verhältnisbestimmung


Was hätte Nietzsche zum grassierenden Populismus unserer Zeit gesagt? Macht ihn seine elitäre Grundhaltung, sein „aristokratischer Radikalismus“, nicht zu einem Antipopulisten par excellence? Oder träumte er nicht selbst von populistischen, die Massen begeisternden Führern und vom Massenerfolg seiner Bücher? – Aber was ist „Populismus“ überhaupt und wie steht es um Nietzsches Haltung zu populistischen Bewegungen in seiner eigenen Zeit?
Für unseren Blog nicht ganz unwichtige Fragen, denen sich Jenny Kellner im folgenden Beitrag ausführlich gewidmet hat.
Was würde Nietzsche – lebte er doch nur heutzutage und erfreute sich blendender geistiger Gesundheit – zu unseren Pappenheimern Trump, Putin, Weidel & Co. sagen? Wäre er beeindruckt, entsetzt? Würde er giftige Polemiken gegen die Trumps dieser Welt oder doch eher: gegen die Trump-Hasser*innen dieser Welt verfassen? Oder gar beides? Wer solche anachronistischen Fragen als müßig abtun möchte, hat dafür gute Argumente, aber ich alte nihilistische Atheistin habe an dem heutigen Karfreitag die Muße für dies Müßige und werde mich daher einer Reflexion über die Frage widmen: Wie hätte Nietzsche sich gegenüber dem heutigen Rechtspopulismus positioniert?
Nietzsche definieren?
Es gibt wie immer einfache Antworten. Eine der ganz wenigen Fragen zu Nietzsches politischer Haltung, die in der heutigen wissenschaftlichen Nietzsche-Forschung (weitgehend) unkontrovers beantwortet wird, betrifft den Antisemitismus: Nietzsche hat ihn zutiefst verachtet. Daraus lässt sich leicht folgern, dass Nietzsche auch von unseren heutigen Rechtspopulist*innen wenig gehalten hätte, sofern man in ihnen eine neue Form „antisemitsche[r] Schreihälse“1 verkörpert sieht. Jedoch will ich es mir ganz so einfach ja auch nicht machen – die Lektüre dieses Artikels fiele sonst allzu kurz aus! Es ist also ein wenig weiter auszuholen …
… Eine Verhältnisbestimmung erfordert zunächst eine Bestimmung dessen, was ins Verhältnis gesetzt werden soll, in diesem Fall also: eine Definition Nietzsches einerseits und eine Definition des Populismus andererseits. Wenig überraschend muss hier festgestellt werden, dass die Definition beider Gegenstände der Untersuchung alles andere als auf der Hand liegt. Besteht der Reiz unseres Lieblingsphilosophen nicht gerade in seiner hartnäckigen Weigerung, sich ‚vereindeutigen‘ zu lassen? Mehr noch, ist seine Philosophie selber nicht im Kern eine der ‚Veruneindeutigungen‘? Was manche als Perspektivismus anerkennen, andere in-sich-total-widersprüchlich schimpfen und wieder andere (ich) ein paradoxes Denken nennen, „mit dem man nicht fertig wird“2, ist vermutlich gerade dadurch bestimmt, dass es sich nicht eindeutig definieren lässt und so die Denkenden, die nach Definitionen suchen, die Definitionen sogar bitter nötig haben, böse lächelnd im Stich lässt. Aber das ist ja immerhin schonmal etwas: Nietzsche über seine Undefinierbarkeit, seine ‚Anti-Eindeutigkeit‘ zu definieren.
Wenn diese abstrakte Definition politisch konkretisiert werden soll, ergibt sich einerseits das Problem eines Philosophen, der sich ob der Uneindeutigkeit auch seiner politischen Positionierungen keinem politischen Lager zuordnen lässt. Andererseits ergibt sich das Bild eines radikal-pluralistischen Denkens, das unterschiedlichste, sogar widerstreitende Ansichten nicht nur zulässt, sondern ausdrücklich bejaht: ein Denken nämlich, das den Widerstreit an sich, den Antagonismus, jederzeit an sein äußerstes Extrem zu treiben wagt. Dieser antagonistische Grundzug kommt schon im Erstlingswerk, der Geburt der Tragödie, klar zum Ausdruck, wenn Nietzsche die höchste aller Kunstformen aus der produktiven Hochspannung zwischen Apollinischem und Dionysischem entstehen lässt. Und der antagonistische Geist Nietzsches ist noch in der letzten Schaffensphase, in der Entwicklung der Metaphysik eines ‚Willens zur Macht‘ am Werk, wenn der Überwältigungswille zur wesentlichen Bestimmung des Lebens selbst wird.
Nietzsche möchte sich nicht definieren lassen, erscheint gerade dadurch als radikaler Pluralist, identifiziert sich aber, wie hier nicht unterschlagen werden soll, noch am ehesten mit der Zuschreibung des ‚aristokratischen Radikalismus‘, die ihm von Georg Brandes zuteilwurde.3 Wäre denn eine pluralistische Aristokratie denkbar?
Wie es sich gehört, hat mich der Versuch, Nietzsche zu definieren, in eine Irre geführt – an den Rand eines unmöglichen Begriffs, ‚pluralistische Aristokratie‘ …
Populismus definieren?
Wie steht es denn definitorisch um den Populismus? Was ist unter diesem Etikett eigentlich genauer zu verstehen? Wer sich hier in die wissenschaftlichen Debatten der Politischen Theorie hineinbegibt, stellt schon bei einer ersten oberflächlichen Sichtung fest, dass auch darüber keine Einigkeit, sondern ganz in Nietzsches antagonistisch-perspektivistischem Sinn eine Vielzahl an konträren Ansichten herrscht.4
Zwei ganz unterschiedliche Versuche, den Populismus auf seinen Begriff zu bringen, legen Ernesto Laclau und Jan-Werner Müller vor. Müller definiert den Populismus als „Schatten der repräsentativen Demokratie“, der eine Anti-Establishment-Haltung mit einem hart antipluralistischen Zug kombiniert, was auf die politische Kampfansage ‚Wir – und nur wir – sind das Volk‘ gebracht werden kann.5 Populist*innen seien „an ihrem moralischen Alleinvertretungsanspruch“ zu erkennen.6 Populismus steht einer pluralistischen Demokratie demnach entgegen, wenngleich er als ihr ‚Schatten‘ unlöslich mit ihr verbunden zu sein scheint. Laclau hingegen entwickelt einen positiven Begriff von Populismus, wonach die ‚populistische Vernunft‘ eine legitime Weise ist, das Politische überhaupt zu konstruieren,7 indem eine Grenze zwischen ‚Uns‘ und den ‚Anderen‘ gezogen wird – frei nach der antagonistischen Definition des Politischen als Freund-Feind-Unterscheidung im Sinne Carl Schmitts. Wer zum ‚Wir‘ und wer zu den ‚Anderen‘ gehört, ergibt sich Laclau zufolge aus der Reihe ‚ähnlicher‘ politischer Forderungen („Äquivalenzkette“8), durch die ‚wir‘ ‚uns‘ miteinander identifizieren. Ohne eine solche ‚populistische‘ Grenzziehung zwischen antagonistischen sozialen Gruppen sind politische Kämpfe und Veränderungen gar nicht denkbar. Wer das Politische nicht als rein ökonomisch determinierten, politisch letztlich ohnmächtigen Verwaltungsapparat denken will, muss Laclau zufolge eine populistische Vernunft bejahen – erst so kann Demokratie sich politisch verwirklichen.
Beide Autoren, Müller wie Laclau, verwehren sich gegen landläufige psychologisierende Bestimmungen populistischer Einstellungen als ängstlich, von moderner Komplexität überfordert, von Ressentiments geleitet und darum reaktiv-aggressiv. Doch in beiden Definitionen scheint eine harte Unterscheidung zwischen einem ‚Wir‘ oder einem ‚Volk‘ auf der einen, und einem ‚Nicht-Wir‘, einem ‚Nicht-unser-Volk‘ auf der anderen Seite wesentlich für den Begriff des Populismus zu sein – womit doch ein deutlicher Mangel an Komplexität als Grundelement des Populismus angezeigt wird. Aber während Müller diese unnachgiebige vereinfachende Grenzziehung als antidemokratisch (und damit als moralisch verwerflich) beurteilt, sieht Laclau in ihr die Bedingung der Möglichkeit des Politischen schlechthin (und mithin etwas Gutes).
In dieser groben Skizze zweier Populismus-Definitionen der Politischen Theorie des frühen 21. Jahrhunderts finden sich die intrikaten Fragen wieder, die in privaten wie in öffentlichen Diskussionen zum Populismusthema regelmäßig auftauchen: Wie steht es um das komplizierte Verhältnis zwischen Demokratie und Populismus? Wie verhalten sich integrierender Pluralismus und ausschließender Nationalismus zueinander? Kann, darf oder muss das jeweils eine das jeweils andere ausschließen oder einschließen? Sind Populist*innen nun antidemokratisch oder sind sie die eigentlichen Demokrat*innen?
Der Pop – das Volk und Nietzsche?
Was wäre ein Artikel im Online-Blog NietzschePOParts ohne Selbstreferenzialität? Wenn im POP-Blog schon von POPulismus die Rede ist, dann drängt sich doch die Frage auf: Handelt es sich in beiden Ausdrücken um denselben ‚Pop‘?
Ist es nicht in beiden Fällen das Volk, auf das angespielt werden soll, und zwar genau in der ‚niedersten‘ Bedeutung dieses Wortes: Populus, das Volk, der Plebs, die ‚breite‘ Masse? Diese Masse aus lauter Individuen, die durch ihre kleinsten gemeinsamen Nenner eben zur Masse werden, sich fortan nicht mehr durch ihre Einzigartigkeit, sondern durch die von Nietzsche verhasste Mittelmäßigkeit auszeichnen? Durchschnitt, Duzendware, gut verkäuflich! Keine Fine Arts auf dieser Website, die nur einer kleinen Elite zugänglich wäre, vielmehr eine Kunst, die den ‚aristokratischen Radikalen‘ Nietzsche für alle öffnet, allen aufschließt, ihn jeder ‚Hinz und jedem Kunz‘ und jedem ‚Krethi und jeder Plethi‘ zugänglich macht? Was würde Nietzsche dazu sagen! Würde er nicht im Grabe vor lauter Empörung Purzelbäume schlagen?! Nietzsche, der sich für so nobel hielt, dass er „dem jungen deutschen Kaiser nicht die Ehre zugestehn“ würde, sein „Kutscher zu sein“?!9
Und würde dieses Bewusstsein der eigenen Noblesse Nietzsche nicht auch meilenweit von jeder populistischen Bewegung entfernen? So wie er die antisemitischen ‚Alldeutschen‘ seiner Zeit verachtete, so hätten ihn vermutlich auch heutige ‚Reichsbürger‘ angewidert. Wenn ihm im Jahr 1888 schon der junge deutsche Kaiser nicht nobel genug erschienen war – hätte er wohl heute für Leute wie Donald Trump oder Björn Höcke überhaupt noch Worte gehabt? Es ist schwer vorstellbar. Näher scheint es zu liegen, dass Nietzsche sich angesichts der Erscheinung und des Gewäschs heutiger Rechtspopulist*innen zu überhaupt keinem Kommentar mehr herabgelassen hätte. Andererseits …
… Vielleicht hätte ihm die schiere Dreistigkeit eines Donald Trump auf irgendeiner Ebene doch auch imponiert. Vielleicht hätte er für diejenigen, die sich über solche Dreistigkeit moralisch empören, auch wieder nur Spott und Hohn übriggehabt. Vielleicht hätte er das machiavellistische Geschick einiger Populist*innen sowie ihren aggressiven Politikstil durchaus zu schätzen gewusst – bekannte er sich nicht als großer Fan des machthungrigen Menschenschlächters Cesare Borgia?10 Angesichts der historischen Beispiele für ‚große Politiker‘, die Nietzsche gerne provozierend anführte (Napoleon, Julius Cäsar …), erscheinen all unsere heutigen Populist*innen beinahe als lammfromm und humanistisch …
Und vielleicht hätte Nietzsche sich über einen populären Online-Blog, in dem seine Schriften zirkulieren und seine Gedanken interpretiert und wieder und wieder interpretiert werden, insgeheim wie ein Schneekönig gefreut. Jedenfalls hat er Zeit seines (geistig gesunden) Lebens versucht, seine Gedanken durch sprachliche Vermittlung und Veröffentlichung einem Publikum zugänglich machen. War dieses Publikum sehr klein oder blieb es gänzlich uninteressiert, so reagierte Nietzsche darauf keineswegs amüsiert! – Und was ist ein Publikum anderes, als eine breite Masse, der etwas vermittelt werden soll?
Wie das Meiste bei Nietzsche, so erweist sich auch sein Verhältnis zum ‚Volk‘ bei aller Polemik, die er regelmäßig gegen es ins Feld führt, als uneindeutig. Ist ein äußerst paradoxes Verhältnis zum ‚Volk‘ nicht auch eine genuine Eigenschaft von Nietzsches Zarathustra? Der Prophet steigt von seinem Berg herab, um zum Volk zu sprechen. Seine Hinwendung zum Volk, der Wunsch, seine Wahrheiten zu vermitteln, sind der Antrieb seiner gesamten Reise! Doch das Volk versteht ihn schlecht – Zarathustra scheitert an dem Versuch, sich verständlich zu machen: „Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen hören? Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie nur dem Stammelnden?“11 Scheitert Zarathustra vielleicht gerade daran, dass es ihm unmöglich ist, wie ein heutiger Populist zu sprechen: rasselnd und stammelnd?
Vermittlung ist schon dem Wort nach Vermittelmäßigung. Der Buchdruck bringt am Ende die Popkultur hervor. Der aristokratische Radikale Nietzsche strebt als Publizist paradoxerweise Popularität an. Nietzsches Aristokratismus ist ernst zu nehmen, denn was er mit ihm zum Ausdruck bringt, ist bedenkenswert. Aber keinesfalls darf darüber vergessen werden, dass Nietzsche seinen eigenen Aristokratismus oft genug und deutlich genug konterkariert – mal explizit, mal subtil und sehr häufig implizit, schon allein, indem er öffentlich zu wirken trachtet: Indem er Bücher schreibt.
Nietzsche, der gescheiterte Anti-Populist?
Gut möglich, dass Nietzsche unsere heutigen Rechtspopulist*innen zutiefst verachtet hätte. Nicht unwahrscheinlich, dass er für moralisierende Populismusverächter*innen ebenso wenig übriggehabt hätte. Nicht auszuschließen, dass Nietzsche sich aus Provokation oder auch aus echter Bewunderung heraus sogar positiv über einen populistischen Politikstil geäußert hätte. Müßige Spekulationen …
Wer in Nietzsche in erster Linie einen komplexen Denker des radikalen Pluralismus erkennt und das wichtigste Kennzeichen des Populismus mit Müller in dessen anti-pluralistischem Wesen vermutet, wird Nietzsche und den Populismus als unvereinbare Gegensätze betrachten. Wer hingegen Nietzsches Philosophie politisch-theoretisch wesentlich als eine des Antagonismus interpretiert und den Populismus mit Laclau als eine Weise versteht, das Politische durch eine klare soziale Grenzziehung zu konstruieren, wird Nietzsche aufgrund des antagonistischen Grundzugs seines Denkens eine eindeutig populistische Tendenz zusprechen – und ihn für sie nicht kritisieren, sondern vielmehr loben.
Eine Reflexion über den heutigen Rechtspopulismus setzt sich, ebenso wie eine Reflexion über das Politische bei Nietzsche, dem zerreißenden Spannungsverhältnis zwischen Aspekten der Popularität und Aspekten des Elitarismus aus. Mich überzeugt die Idee, dass Nietzsche beides (nicht) sein wollte: populär – schön und zugänglich, für alle verständlich, von allen geliebt – und elitär – schön und verschlossen, von den meisten missverstanden, von vielen verhasst. Beides gelingt ihm, an beidem scheitert er. Wie passend erscheint vor diesem Hintergrund der Untertitel zu seinem Zarathustra? – Ein Buch für Alle und Keinen.
Nietzsche wäre vermutlich heute nicht als Populist oder als Befürworter populistischer Politik aufgetreten. Aber wäre er als Anti-Populist aufgetreten? Wäre er denn nicht auch als Anti-Populist notwendig gescheitert? Ist es nicht das Scheitern selbst, das er mit seinem entwerkenden Werk immer wieder, in immer neuen Konstellationen, vorführt – selbst noch im Triumphgeheul des Autors von Ecce homo? Ist der heutige Populismus nicht selber ein Symptom des Scheiterns und als solches im Sinne einer Vollendung des Nihilismus nach Nietzsche vielleicht sogar zu bejahen? Mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen – das ist vielleicht die größte Diskrepanz zwischen der Wirkung eines Nietzsches und derjenigen eines Trumps. Obwohl: auch ein Fragezeichen kann täuschen, weil es ja oft rein rhetorisch eingesetzt wird …
Jenny Kellner (geb. 1984) hat Schauspiel, Philosophie und Soziologie in Hamburg studiert und wurde an der Universität der Künste Berlin mit einer Arbeit über die politischen Implikationen der Nietzschelektüren Georges Batailles promoviert. Ihre Dissertation erschien 2025 unter dem Titel Anti-ökonomischer Kommunismus. Batailles nietzscheanische Herausforderung beim Campus Verlag. Zurzeit lehrt sie an der Universität der Künste Berlin und an der Hafencity Universität Hamburg und wirkt als Sprecherin bei den Electronic-Beat-Prosa-Projekten Nach uns die Ewigkeit und Deimos mit.
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Tobias Fendt: Die Vision Hesekiels (1565) (Quelle)
Quellen
Kellner, Jenny: Anti-ökonomischer Kommunismus. Batailles nietzscheanische Herausforderung. Campus Verlag, Frankfurt am Main: 2025.
Laclau, Ernesto: Die populistische Vernunft (2005). Passagen Verlag, Wien: 2022.
Müller, Jan-Werner: Was ist Populismus? Ein Essay. Suhrkamp, Berlin: 2016.
Fußnoten
1: Jenseits von Gut und Böse, Aph. 251.
2: Kellner, Anti-ökonomischer Kommunismus, S. 52 f.
3: Vgl. Brief an Georg Brandes v. 2. 12.1887: „Der Ausdruck ‚aristokratischer Radikalismus‘, dessen Sie sich bedienen, ist sehr gut. Das ist, mit Verlaub gesagt, das gescheuteste Wort, das ich bisher über mich gelesen habe.“
4: Vgl. hierzu z. B. Müller, Was ist Populismus, S. 15 f. & 25 f. sowie Laclau, Die populistische Vernunft, S. 29-41.
5: Müller, Was ist Populismus, S. 18 f.
6: Ebd., S. 20.
7: Laclau, Die populistische Vernunft, S. 23.
8: Ebd., S. 164.
9: Ecce homo, Warum ich so weise bin, Abs. 3.
10: Vgl. z. B. Jenseits von Gut und Böse, Aph. 197, Der Antichrist, Abs. 61 und Götzen-Dämmerung, Streifzüge, Aph. 37.
Nietzsche als Populist?
Versuch einer anachronistischen Verhältnisbestimmung
Was hätte Nietzsche zum grassierenden Populismus unserer Zeit gesagt? Macht ihn seine elitäre Grundhaltung, sein „aristokratischer Radikalismus“, nicht zu einem Antipopulisten par excellence? Oder träumte er nicht selbst von populistischen, die Massen begeisternden Führern und vom Massenerfolg seiner Bücher? – Aber was ist „Populismus“ überhaupt und wie steht es um Nietzsches Haltung zu populistischen Bewegungen in seiner eigenen Zeit?
Für unseren Blog nicht ganz unwichtige Fragen, denen sich Jenny Kellner im folgenden Beitrag ausführlich gewidmet hat.
